Max Färberböck im Interview über sein Kriegsdrama „Anonyma“ - ZDF, 20.15 Uhr

Massenvergewaltigungen durch die Rote Armee: Das Kriegsdrama „Anonyma“

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Zwischen Nähe und Distanz: Die Unbekannte aus Berlin, Anonyma (Nina Hoss), braucht die Nähe des sowjetischen Offiziers Andrej (Jewgeni Sidichin). Nach dem Einmarsch der Roten Armee gibt er ihr Schutz vor den Vergewaltigungen der Soldaten.

Dieses Kriegsthema ist bis heute ein Tabu: Mit „Anonyma - eine Frau in Berlin“ (2008) verfilmte Max Färberböck das Tagebuch einer Berliner Journalistin, die am Ende des Zweiten Weltkrieges Opfer der Massenvergewaltigungen durch die Rote Armee wurde.

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Nachdem die Autorin zunächst anonym bleiben wollte, stellte sich später heraus, dass es sich vermutlich um die inzwischen verstorbene Journalistin Marta Hillers handelt. Wir sprachen mit dem Regisseur über seinen zweiten Kinofilm, den das ZDF Montag und Mittwoch, jeweils um 20.15 Uhr, in einer 50 Minuten längeren, zweiteiligen Fernsehfassung ausstrahlt.

Wie viel Respekt hatten Sie vor diesem sensiblen Thema?

Max Färberböck: Ich hatte Zweifel, den Film zu machen. Ich war geschockt und fasziniert von der Härte und Intelligenz, mit der dieses Buch geschrieben war. Die Autorin hat niemanden geschont: weder sich selbst, noch die deutschen Frauen oder die Russen. Es dauerte sieben Monate, bis ich ihren kalten Blick auf das Geschehen verstanden hatte. Erst dann habe ich den Film zugesagt.

Sie hatten Angst, der Autorin nicht gerecht zu werden?

Färberböck: Nein, ich hatte Angst, die Komplexität dieser Zeit mit den primitiven Mitteln des Films nicht erfassen zu können. Der Film gilt als hart, aber ich wollte die Wirklichkeit nicht entschärfen, damit sie gut konsumierbar ist.

Sie haben mal gesagt, bevor die Amerikaner das Thema aufgreifen, mache ich den Film lieber selber. Was waren Ihre Befürchtungen?

Färberböck: Die meisten Filme über das Dritte Reich waren ausländische Produktionen, aber die komplexe Frage, ob wir uns als Opfer definieren können, hat eben viel mit den Widersprüchen in unserem Geschichtsbewusstsein zu tun. Die deutschen Opfer waren für uns eine Tatsache, aber nicht das Hauptthema des Films. Wir hätten nie einen Film gemacht, der die deutsche Kriegsschuld relativiert. Der größte Tabubruch bei Anonyma ist, dass sie mit allen Klischees aufräumt: zum Beispiel, dass alle deutschen Frauen nur Opfer waren. Natürlich waren es Opfer, aber sie kamen bei der Autorin auch aus Täterfamilien. Andererseits beschreibt sie die Russen nicht als vergewaltigende Masse, sondern gibt ihnen Namen und Schicksale. Das war in Deutschland verpönt.

Was hat Sie am meisten an dem Buch fasziniert?

Färberböck: Die Vielschichtigkeit der Themen. Zum Beispiel die hochambivalente Tatsache, dass sich viele Frauen prostituieren mussten, um einen Rest ihrer Würde und ihr Leben zu retten. Es beschäftigte mich, als ich las, wie Anonyma eine erfüllte Liebesnacht mit dem sowjetischen Offizier schildert. Ich habe mich gefragt: Warum ist sie so provokativ? Es ging ihr, glaube ich, darum, so wahrhaftig wie möglich zu sein.

Einige Kritiker unterstellten Ihnen, das Kriegsleid zu einem medientauglichen Ereignis gemacht zu haben. Wie gehen Sie damit um?

Färberböck: Ich fühle mich wissentlich missinterpretiert. Wir haben versucht, den historischen Hintergrund mit filmischen Mitteln zu durchdringen - und der Realität so nah wie möglich zu kommen. Die internationale Kritik hat das gesehen und gewürdigt.

Welche Reaktionen gab es sonst nach der Kinopremiere?

Färberböck: Einige Opfer haben sich bekannt. Aber die politische Brisanz des Themas wurde kaum öffentlich diskutiert. Man muss davon ausgehen, dass Deutschland von dem Thema immer noch nichts wissen will. Vielleicht ändert sich das mit der Fernsehausstrahlung

Von Bastian Ludwig

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