„Apocalypso“ mit Ingo Naujoks in Fritzlar vor dem Dom

Gestresster Höllenfürst

Höllenfürst mit „Burn-out“-Syndrom: Ingo Naujoks bewies beim Auftritt in Fritzlar schauspielerische Qualitäten. Foto: Zerhau

Fritzlar. Mitleid kommt auf, wenn man ihn da so an der Theke rumhängen sieht. Den Kopf gesenkt, Hochprozentiges im Glas, murmelt er vor sich hin, was ihm schwer auf der dunklen Seele lastet: „Ich bin nicht böse. Ich verwalte und pflege das Böse nur. Das Problem ist, wirklich nahe kommen will mir doch keiner. Ob ich mal zum Therapeuten gehe?“

So weit, so menschlich – doch Vorsicht. Der geknickte Herr im schwarzen Anzug ist der Fürst der Hölle höchstpersönlich.

Der bekannte Fernseh-Darsteller Ingo Naujoks (50) gibt ihn in dem Programm „Apocalypso – Ein Lied für den Teufel“. Am Samstag trat das Ruhrpott-Original damit im Rahmen des Kultursommers Nordhessen vor 350 Besuchern und der malerischen Kulisse des Fritzlarer Doms auf. Sarkastisch, witzig, böse mimt er den gefallenen Engel - aber auch bemitleidenswert. Denn kaum zu glauben, aber wahr - der Teufel leidet unter „Burn-out“. Ob Politik oder Geschichte – er hat die Nase voll und ganz besonders von den Menschen. „Luther und ich waren völlig einer Meinung. Und dann schmeißt der ein Tintenfass nach mir.“

Nun hockt er in einer rot ausgeleuchteten Bar, an den Wänden barocke Engelsgemälde, hält Selbstgespräche und lässt Dampf ab. Auch in Richtung Bühnenband: „Leihmusiker, immer besoffen oder bekifft.“

Teuflisches Liebeslied

Doch spielen können Simon Paul (Bass), Jo Gehlmann (Gitarre), Alex Hoetzinger (Schlagzeug) und Niklas Ramdohr (Keyboard), der die Musik für den geplagten Höllenchef geschrieben hat. Neben rockigen Stücken wie „Gehässige Romanze“ oder „Apocalypso“ gibt’s sogar ein Liebeslied. Dessen Refrain klingt jedoch gerade für einen Teufel etwas paradox: „Engel komm runter zu mir.“

Ingo Naujoks macht seine Sache großartig. Mit großer schauspielerischer Präsenz variiert er zwischen Gossenvokabular und intellektuellen Feinheiten den mal diabolisch zynischen, mal bemitleidenswert hilflosen Höllenboss. Stimmlich ist er dem Thekenrock der Band nicht immer gewachsen, der Ausdruck aber stimmt.

Zum Abschluss eine deftige Proklamation: „Ich muss mich nicht um Seelen bemühen, ich krieg’ sie alle.“ Und das Publikum? Das hielt es mit dem Titel eines Rolling-Stones-Stückes: „Sympathy for the devil.“

Von Steve Kuberczyk-Stein

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