Gewissheit aus dem Zweifel

Beatrice von Weizsäcker

Vellmar. „Sind Ihre Zweifel nicht im Grunde genommen eine Glaubensbezeugung?“, fragte Montagabend am Ende ihrer eindrucksvollen Lesung im ev. Kirchenzentrum Vellmar-Mitte ein Zuhörer Beatrice von Weizsäcker. Die 54 Jahre alte promovierte Juristin fühlte sich genau verstanden.

Denn dass Gewissheit gerade aus Zweifeln entsteht, dass Selberdenken, Hadern und Infragestellen Glauben überhaupt erst ausmachen, ist die These ihres Buchs „Ist da jemand?“.

Schon als Kind habe sie ihre Religionslehrerin mit unentwegtem Nachhaken ins Schleudern gebracht. Inzwischen ist sie überzeugt: Glauben ist gerade nicht Wissen, verlangt keine Beweise. Weder könne er verordnet werden noch entstehe er aus der Kirche: „Sondern aus einem selbst.“

„Ich glaube, aber nicht blind“, sagt die Tochter des Altbundespräsidenten, die dem Präsidium des Evangelischen Kirchentags angehört: Nicht an einen personalen Gott, nicht an die Auferstehung. Aber an die Kraft des Gebets, an Jesus Christus als unverzichtbares Vorbild. Glauben als Tröstung wie als Ermutigung zur Tat. Dazu, Verantwortung zu übernehmen. Voller „Demut vor der Unergründlichkeit, die nicht schreckt“.

In ihrem Buch prüft von Weizsäcker - bewusst als Nicht-Theologin - all die Bibelverse, die sie bislang begleitet haben, stellt sie Fragen nach Leben und Tod - besonders nachdem ihr Bruder dem Krebs erlegen ist. „Die Ewigkeit verbindet uns“, sagt sie.

Ein Besucher wollte wissen, ob für von Weizsäcker überhaupt Kirche nötig sei. Für ihren Glauben brauchten die Menschen diese nicht, erwiderte sie, Glauben sei etwas Persönliches. Jesus sei es nie um Strukturen, Hierarchien, Regelwerke gegangen. Aber als Gemeinschaft stiftender Schutzraum mit hilfreichen Ritualen sei sie wichtig. Aus einem Staat, in dem das „Sozialstaatsprinzip ohne die Kirchen längst zu Ende wäre“, sei die Institution Kirche nicht wegzudenken. Foto: von Busse

Beatrice von Weizsäcker: Ist da jemand? Gott und meine Zweifel. Piper, 320 S., 19,99 Euro.

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