„Parsifal“ ist in Bayreuth ein Höhepunkt der Festspielsaison

Traumbilder: Der herausragende Kwangchul Youn als Gurnemanz, Christopher Ventris (Parsifal) und Susan Maclean (Kundry) im dritten Aufzug der „Parsifal“-Inszenierung. Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Bayreuth. Acht Monate nach der Bayreuther Uraufführung des „Parsifals“ im Juli 1882 starb Richard Wagner.

In seinem mystischen Abschiedswerk um den „reinen Toren“ Parsifal, der - „durch Mitleid wissend“ geworden - nicht nur den gefallenen Gralskönig Amfortas, sondern auch die ewige Wiedergängerin Kundry erlöst, verspricht er am Ende „Erlösung dem Erlöser“.

Während Wagner-Interpreten seit Generationen über diesen Satz rätseln, lässt der norwegische Regisseur Stefan Herheim (40) in seiner überwältigend bilderreichen Bayreuther Inszenierung diese Erlösung dem Schöpfer des „Parsifal“ zuteil werden - und damit zugleich dem mit Deutungen überfrachteten Stück.

Herheim entwickelt das „Bühnenweihfestspiel“ als ein Gehirngewitter wüster Albträume, in denen sich Wagner-Schauplätze wie die Villa Wahnfried und das Festspielhaus mit Bildern deutscher Geschichte vom Kaiserreich über die beiden Weltkriege bis zur Nachkriegsrepublik mischen (und wo die Hakenkreuzfahnen im zweiten Akt auch diesmal wieder für Empörung sorgen).

Am Ende versinkt Parsifal in einem blutroten Brunnen mitten im Rund des Bonner Bundestags, an dessen Grund sich der Bundesadler spiegelt, bevor das Festspielpublikum sich in einer riesigen Spiegelwand als Mitakteur des Mythos’ „Parsifal“ erlebt.

Unmöglich, alle Anspielungen aufzuzählen, die Herheim in seine Traumbilder mixt – am deutlichsten wird eine inzestuöse Beziehung des in verschiedenen Lebensaltern auftretenden Helden zu seiner Mutter – ein großes Bett in der Bühnenmitte ist das Tor zum Unbewussten, das die Figuren mal verschlingt, mal wieder herauswürgt.

Auch wenn die aufwändige Bühnentechnik diesmal etwas holpert – die von Bühnenbildnerin Heike Scheele geschaffenen Bilder sind ungeheuer suggestiv, und man fragt sich, wie die Aufführungsgeschichte der „Parsifal“ nach dieser gründlichen Aufarbeitung weitergehen wird.

Farbliche Raffinessen

Musikalisch könnte der „Parsifal“ zumindest noch gewinnen. So, wie Daniele Gatti ihn jetzt dirigiert, wird zwar die nach wie vor sehr gedehnte Musik greifbarer, konturierter. Die farblichen Raffinessen der Orchesterpartitur arbeitet Gatti vorbildlich heraus, doch gelingt es ihm im dritten Akt nicht immer, die Spannung zu halten.

Sängerisch bietet lediglich der äußerst packende Gurnemanz von Kwangchul Youn Anlass zum Jubeln: Sein leuchtender Bass ist Sonderklasse, seine Textverständlichkeit vorbildlich.

Christopher Ventris fehlt es dagegen als Parsifal trotz stimmlicher Klasse an Ausstrahlung. Und Susan MacLean ist als Kundry zwar ungleich ausdrucksstärker als ihre Vorgängerin Mihoko Fujimura, wird aber in der Höhe etwas schrill.

Der Beifall im Festspielhaus wollte dennoch kaum enden - der „Parsifal“ bliebt ein Höhepunkt der Festspielsaison.

Von Werner Fritsch

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