Bernd Ulrich von den Amigos über seinen Aufstieg vom Bierbrauer zum Schlagerstar

„Es gibt keine heile Welt“

Vor drei Jahren arbeitete Bernd Ulrich aus dem mittelhessischen Hungen noch als Bierbrauer, sein Bruder Karl-Heinz war Lkw-Fahrer, und nun ist das Duo als Amigos eine große Nummer im Schlagergeschäft. Hits wie „Ich geh’ für dich durchs Feuer“ spielen sie am 25. März in der Kasseler Stadthalle. Wir sprachen mit dem 58-jährigen Bernd Ulrich über seine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte.

Herr Ulrich, wie ist es, Schlagerstar zu sein?

Bernd Ulrich: Mit dem Wort Star können wir wenig anfangen. Wenn wir Menschen begegnen, die uns aus dem Fernsehen kennen, sagen sie: „Mensch, euch kann man ja anfassen. Mit euch kann man ja reden. Ihr seid genauso wie wir.“ Wir sind ganz normal geblieben. Das liegt vielleicht auch daran, dass wir nie von der großen Karriere geträumt haben. Mit der Musik haben wir 1970 in der Garage angefangen. Niemals sind wir morgens aufgewacht und haben uns gefragt: Wieso haben wir keinen Erfolg? Für uns war es immer nur ein Hobby.

Jahrelang sind Sie über die Dörfer getingelt, 1986 waren Sie zum ersten Mal in einem Tonstudio. Wieso kam der Erfolg dann doch?

Ulrich: Das lag an einem Wunschkonzert von Radio Melodie. Als ein Moderator gestorben war, wünschte sich ein Hörer für ihn unser Lied „Land hinterm Wind“. Der Sender bekam sofort viele Anfragen. Alle wollten wissen, wer das singt. Unseren Durchbruch hatten wir 2006, als wir bei „Achims Hitparade“ im MDR auftraten und Musikantenkaiser wurden. Seitdem haben wir 3,8 Millionen CDs verkauft.

Sie müssen reich sein.

Ulrich: Na ja, das Finanzamt ist reicher als wir. Als wir 2006 unsere Jobs aufgaben, haben wir uns gefragt: Wird es reichen?

Es reicht offensichtlich. In Ihren Texten geht es oft um Engel. Glauben Sie an Engel?

Ulrich: Ich glaube, dass es irgendetwas gibt. Nach dem Tod kann nicht alles vorbei sein. Einmal rief mich eine Frau an und sagte: „Wenn es euch nicht gäbe, gäbe es mich auch nicht mehr.“ Sie hatte ihre Tochter bei einem Verkehrsunfall verloren. Unsere Texte haben ihr Kraft gegeben. Solche Reaktionen geben uns Recht.

Manchmal singen Sie auch über Kindesmissbrauch. Das ist ungewöhnlich für die heile Welt des Schlagergeschäfts.

Ulrich: Wir wollen nicht die heile Welt besingen, die es nicht mehr gibt. Soll ich von Sommer und Sonne singen und dem Urlaub, den sich niemand mehr leisten kann? Immer noch werden jedes Jahr 250 000 Kinder missbraucht. Das kann nicht sein. Und es kann auch nicht sein, dass Wiederholungstäter auf freien Fuß gesetzt werden. Deshalb sind wir Botschafter des Weißen Rings und haben eine Petition unterstützt, die dafür sorgen soll, dass Kindesmissbrauch nicht mehr verjährt. Unsere Fans wollen nicht nur Heile-Welt-Texte hören. Nach Konzerten sagen sie uns: „Endlich traut sich mal jemand, das auszusprechen.“

Manche Radiosender wie WDR 4 spielen Ihre Lieder nicht. Haben die etwas gegen Sie?

Ulrich: Wir haben mit den Verantwortlichen beim WDR noch nicht gesprochen. Aber ein Fan hat den Sender angeschrieben und die Antwort bekommen, dass die Amigos ein Dilemma zwischen Kunst und Kommerz seien und nur durch geschickte Werbung Erfolg hätten. Das finde ich unglaublich arrogant. Da bezahlen die Menschen GEZ-Gebühren und müssen hören, was sie vorgesetzt bekommen. Manch andere Sender spielen uns nur bei Hörer-Wunschkonzerten. In vielen Redaktionen wird der deutsche Schlager geschnitten. Warum treten wir unsere deutsche Musik bloß mit Füßen?

Sie klingen wie Ihr eigener Anwalt. Auch sonst machen Sie alles selbst. Sie buchen Hotels und setzen sich nach den Konzerten noch hinters Steuer. Das könnten doch jetzt andere für Sie machen.

Ulrich: Stimmt, jetzt kommen die Manager, aber vor zehn Jahren waren die nicht da. Die sind nur dort, wo das Geld ist. Wir brauchen die nicht.

Amigos: 25. März 2010, 19.30 Uhr, Stadthalle Kassel. Tickets beim HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Von Matthias Lohr

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