Neu im Kino: „Jud Süß - Film ohne Gewissen“

Trügerische Zuneigung: Moritz Bleibtreu als Joseph Goebbels (von links), Tobias Moretti als Ferdinand Marian und Martina Gedeck als seine Frau Anna. Foto:  Concorde/ nh

Die Fronten zwischen Historikern und Filmschaffenden sind verhärtet: „Geschichtsverdrehung“ empören sich die einen, „künstlerische Freiheit“ wehren sich die anderen. Und dazwischen sitzt das Publikum, das entscheiden muss, was es von einem Film erwartet, der sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt - historische Genauigkeit oder abendfüllende Unterhaltung?

Seit seiner Uraufführung bei der Berlinale wird diese Frage am Beispiel von Oskar Roehlers „Jud Süß - Film ohne Gewissen“, der Geschichte des berüchtigsten Nazi-Propagandafilms und seines Hauptdarstellers Ferdinand Marian, diskutiert. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels plant 1940 einen Coup: Er will „einen künstlerischen Film, keine billige Propaganda“ schaffen. Einen Film, der Hass schürt, ohne Parolen runterzuleiern.

Ferdinand Marian (Tobias Moretti) soll den jüdischen Finanzbeamten Oppenheimer geben, der im Württemberg des 18. Jahrhunderts einen Herzog von seinem Volk entfremdet und sich zudem an einem arischen Mädchen vergeht. Dies sei „eine Rolle, die Sie in ganz Europa, auf der ganzen Welt berühmt machen wird“, verspricht Goebbels dem Schauspieler, der sich lange ziert - immerhin weiß er um die jüdischen Wurzeln, die seine Frau Anna (Martina Gedeck) hat - dies allerdings nur in Roehlers Film.

Es folgt ein Gewissenskonflikt, der sich zuspitzt: Marian weiß um das Übel des Films, der in Original- und nachgestellten Szenen eingeschnitten wird. Er wird nicht müde zu erklären, dass er Mitleid, nicht Abscheu für den Juden provozieren will.

Dass das nicht fruchtet, kann er sich nicht eingestehen. Ebenso wenig, dass ihm der Erfolg gefällt. Diese Zerrissenheit weiß Moretti vortrefflich darzustellen. Moritz Bleibtreu imitiert perfekt die Gestik des Volksverhetzers Goebbels. Doch treffende Imitation garantiert nicht Glaubwürdigkeit.

Karriereknick

Während deutlich zu erkennen ist, auf welche Art Roehler Gefühle wecken will, lässt sich der plötzlich eingeleitete Karriereknick Marians nicht logisch nachvollziehen. Es erschließt sich weder, warum Goebbels für ihn einen bizarr inszenierten Seitensprung mit einer KZ-Aufsehergattin (Gudrun Landgrebe) arrangiert, noch warum die Nationalsozialisten den gefragten Schauspieler auf einmal fallen lassen. Es scheint, als habe Roehler es plötzlich eilig. Das mag nicht unbegründet sein, doch mehr Ausgewogenheit wäre erstrebenswert gewesen, selbst wenn die Zeit zwischen „Jud Süß“ und dem rätselhaften Unfalltod Marians unspektakulär gewesen sein sollte.

Denn wenn Filmemacher das Recht für sich beanspruchen, Fakten zugunsten der Unterhaltung zu verändern, sollte am Ende wenigstens diese stimmen. (tx)

Genre: Geschichtsfilm

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: !!!::

www.hna.de/kino

Von Annekathrin Liebisch

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