Der russische Pianist Grigory Sokolov überwältigte beim Kultursommer

Gipfel der Klavierkunst

Ein Ausnahmekünstler: Grigory Sokolov gastierte in der Fürstlichen Reitbahn in Bad Arolsen. Foto: Wüllner

Bad Arolsen. Vorsicht bei Superlativen, besagt eine journalistische Regel. Wer über Grigory Sokolov schreibt, darf sie getrost vergessen. Denn für viele Klassikkenner ist der 60-Jährige der beste Pianist unserer Zeit. Der Russe ist - in den Worten des Berliner Musikpublizisten Jürgen Otten - „vermutlich derjenige Pianist mit den meisten Klangfarben“.

Nun gab er in der Fürstlichen Reitbahn in Bad Arolsen ein Konzert, das der Kultursommer Nordhessen in Kooperation mit den Arolser Schlosskonzerten veranstaltet hat. Es wurde zum überwältigenden Ereignis. Nur bewundern konnte man die Nuancen des Anschlags, den Reichtum an Farben, die Weite der Dynamik und den Tiefgang, mit dem Sokolov die Werke bis in den letzten Winkel ausleuchtete. Ein Gipfel der Klavierkunst.

Den Auftakt bildete eine vor Geist sprühende, fingerartistische Deutung von Bachs Partita c-moll BWV 826, funkelnd, treibend - und mit einem wunderbar abschattierten Pianissimo gegen Ende der langsamen Sarabande. Aufwühlend dann die späten Fantasien op. 116 von Brahms. Sokolovs orchestral ausdifferenzierter Klavierklang machte auch die Extreme in den keineswegs nur altersmilden Stücken deutlich.

Da gab es eine sehr slawisch anmutende Melancholie und absolute Zurücknahme, aber auch ein heftiges, dabei vollends kontrolliertes Aufbäumen zu bärenstarker Kraft. Dieses fantastisch freie wie zwingende Brahms-Spiel hatte eine Emotionalität, die an die Grenzen ging.

Eines der ungefälligsten Werke der romantischen Epoche ließ Sokolov, der Verweigerer des Klassikbetriebs, im zweiten Teil folgen: Robert Schumanns Sonate f-moll op. 14 in der fünfsätzigen Fassung aus dem Winter 1835/36. Man kann wie Maurizio Pollini das Atemlos-Gehetzte bei Schumann betonen. Doch für Sokolov wäre das wohl zu eindimensional. So analysierte er all die Verästelungen und Stimmungswechsel dieser wundersamen Sonate, die Schumann selbst als einen „einzigen Herzensschrei“ nach seiner späteren Frau Clara bezeichnet hat.

Die 500 Zuhörer jubelten. Fünf Zugaben aus den Chopin-Préludes op. 28 spielte der Ausnahmekünstler - mit einer Charakterschärfe, die ihresgleichen sucht.

Von Georg Pepl

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