Eckhard Manz und das Kasseler Vocalensemble führten zu Silvester Bachs h-Moll-Messe auf

Gipfelpunkte des Singens

Jahresausklang mit Bach: Das Vocalensemble und sein Leiter Eckhard Manz in der Kasseler Martinskirche. Foto: Socher

Kassel. Vor annähernd 200 Jahren wurde Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe vom Schweizer Musikforscher Hans Georg Nägeli zum „größten musikalischen Kunstwerk aller Zeiten und Völker“ erklärt. Heute sind uns solche absoluten Wertungen zwar fremd. Doch nach wie vor zählt die h-Moll-Messe unbestritten zu den Gipfelwerken der Musik. Nicht weil Musikwissenschaftler das postulieren, sondern weil man es hören kann.

Jedenfalls dann, wenn dieses fast zweistündige Werk so überzeugend aufgeführt wird wie im Silvesterkonzert des Kasseler Vocalensembles in der voll besetzten Martinskirche. Man kann bei der von Kantor Eckhard Manz geleiteten Aufführung über manches Detail unterschiedlicher Auffassung sein. Insgesamt aber erlebten die Zuhörer eine Interpretation von großer Geschlossenheit auf durchweg hohem Niveau.

Wie bringt man Größe und Gravität dieser feierlichen Messe in Einklang mit der menschlichen Dimension der Musik, ihrer Expressivität und Dramatik? Es geht ums Verhältnis des Details zum Ganzen: Manz nahm das Kyrie, das „Herr, erbarme dich“, zwar in einem breiten Tempo. Innerhalb des ruhigen Fugen-Flusses aber setzte das schlank und beweglich agierende Vocalensemble durch prägnante Artikulation und wechselseitiges Hervortreten der Stimmen jene Akzente, die das Dringliche dieser Anrufung vermitteln.

Es war das vokale Element, das diese Aufführung prägte, zunächst das breite Ausdrucksspektrum des Vocalensembles: Verhaltene Eindringlichkeit in den harmonisch komplexen, flächigen Credo-Sätzen „Et incarnatus est“ und „Crucifixus“, dann mühelose Strahlkraft beim „Et ressurexit“. Lediglich manchen Sopran-Höhen war eine gewisse Anstrengung anzumerken („Et exspecto“).

Solistischen Glanz verbreitete Altus Franz Vitzthum im anrührend ausdrucksvoll gestalteteten „Agnus Dei“. Rhetorische Eindringlichkeit (Veronika Winter, Sopran), Klarheit (Achim Kleinlein, Tenor) und Ebenmaß (Tobias Scharfenberger, Bass) kennzeichneten die weiteren Soli. Allerdings hätte man dem Bassisten beim „Quoniam tu solus“ noch mehr dramatischen Einsatz und Sonorität gewünscht.

Äußerst vielgestaltig sind Musik und Aussage der h-Moll-Messe. Komplex gestaltet sich daher auch das Zusammenwirken der Akteure. Doch Eckhard Manz gab Bachs stilistisch reichstem Werk ein klares Profil. Vor allem gelang es ihm, den mit nur 30 Stimmen besetzten Chor und das auf modernen Instrumenten spielende Orchester zu einer Einheit zu formen. Die Instrumentalisten, vorwiegend Musiker des Kasseler Staatsorchesters, kamen der historisch informierten Spielweise recht nahe und überzeugten auch solistisch. Dennoch: Klangcharakter und Rhetorik eines Barockensembles bleiben unverwechselbar.

Mit langem Beifall wurden die Akteure verabschiedet.

Von Werner Fritsch

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