Maurizio Pollini und seine denkwürdige Einspielung des „Wohltemperierten Klaviers“, Teil I

Gipfeltour mit Johann Sebastian Bach

Pianistische Versenkung: Maurizio Pollini. Foto: dg/nh

Seit Jahrzehnten spielt Maurizio Pollini Johann Sebastian Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ in Konzerten. Jetzt, mit 67 Jahren, hat er den Zyklus von 24 Präludien und Fugen durch alle Dur- und Moll-Tonarten zum ersten Mal als CD-Doppelalbum vorgelegt.

Wer live erlebt hat, wie Pollini diese Stücke spielt, wie er sich schwer atmend, manchmal unbewusst mitsummend auf diese pianistische Gipfeltour begibt, der ahnt, dass diese Musik für Pollini eine tiefere Bedeutung hat als vieles aus dem romantischen Repertoire, das der Italiener mit unnachahmlicher Leichtigkeit beherrscht.

Es ist wunderbar, dass auch in Zeiten digitaler Perfektion ein Album erscheinen kann, dem man dies alles anmerkt: Die knisternde Konzentration, die pianistische Anstrengung und Versenkung (samt gelegentlichem Mitsummen).

Pollini spielt Bach mit schnörkelloser Geradlinigkeit, pianistische Brillanz wird nicht ausgestellt. Sie wird indirekt erfahrbar, wenn Pollini Passagen, bei denen andere zögern, „durchzieht“. Welche pianistischen Reserven hat dieser Mann!

Stilistisch ist Pollinis Spiel kaum festzulegen. Während Martin Stadtfeld bei seiner gefeierten Einspielung auf Eleganz und Wirkung setzte, bleibt Pollini streng am Notentext. Dennoch wirkt sein Spiel niemals trocken, denn - das ist vielleicht das „Italienische“ bei Pollini - im Mittelpunkt steht immer die gesangliche Line. Bei den Fugen zieht sich das perfekt durch alle Stimmen, und auch bei den Präludien ist Kantabilität als Haltung immer spürbar.

Fazit: Eine herausragende Bach-Aufnahme und wichtiges Dokument eines großen Pianisten.

Maurizio Pollini: Bach „Das wohltemperierte Klavier“ Teil I, Doppel-CD, Deutsche Grammophon (Universal), Wertung: !!!!!

Von Werner Fritsch

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