Gipfeltreffen der Streichquartette: Kultursommer präsentierte drei Top-Ensembles

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Perfektes Zusammenspiel: Das Dover Quartet mit (von links) Bryan Lee (Violine 2), Milena Pajaro-van de Stadt (Viola), Camden Shaw (Violoncello) und Joel Link (Violine 1). Foto: Fritsch

Zierenberg. Die Stadtkirche Zierenberg (Kreis Kassel) mit ihren mittelalterlichen Wandmalereien war das Ambiente für hochkarätige Konzerte des Kultursommers Nordhessen: Internationale Spitzenensembles gestalteten dort vom Freitag bis zum Sonntag einen Streichquartett-Zyklus.

Den Auftakt machte vor 180 Zuhörern das deutsche Signum Quartett - bekannt für seine expressive Hochspannung. Der Komponist Wolfgang Rihm hat den Musikern einmal geschrieben: „Es ist mir eine Freude, Ihrer energischen Ernsthaftigkeit und poetischen Präzision zuhören zu dürfen.“

Kerstin Dill, Annette Walther (Violine), Xandi van Dijk (Viola) und Thomas Schmitz (Violoncello) begannen mit dem lebendigen Diskurs von Joseph Haydns „Quintenquartett“, ehe sie ein aufreibendes Instrumental-Drama aufführten: Leosˇ Janácˇeks geniales Quartett Nr. 1, „Kreutzersonate“.

Vom Filigranen bis zum Schroffen schöpften sie Janá-cˇeks Kontraste voll aus. Krass etwa im dritten Satz der Gegensatz zwischen dem zaghaften Kanon der Außenstimmen und den hektischen, am Steg („sul ponticello“) gespielten Einwürfen der Mittelstimmen. Bratschist Xandi van Dijk gab dieser Stelle eine ungeheure Schärfe.

Differenziert und mit Sinn für emotionale Abgründe erklang auch Franz Schuberts d-Moll-Quartett „Der Tod und das Mädchen“ - eindrucksvoll der Reichtum an Gesten im berühmten Variationensatz. Nach viel Beifall bewährte sich die poetische Präzision der „Signums“ noch in dem kleinen Adagio aus Mozarts KV 170: ein leiser wie wehmütiger Abschiedsgruß.

Von Werner Fritsch

Es ist leicht dahergesagt, von diesem oder jenem Ensemble werde man noch viel hören. „Oder auch nicht“, kann man sich dann dazudenken. Beim amerikanischen Dover Quartet, das den zweiten Konzertabend in Zierenberg bestritt, ist eine solche Prognose mit wenig Risiko verbunden: Die vier sind gerade dabei, die internationalen Konzertpodien zu erobern.

Erst Mitte zwanzig und doch schon seit sechs Jahren ein Ensemble sind die vier Musiker, die sich als Studenten am berühmten Curtis Institute of Music in Philadelphia zusammengefunden haben. Und diese lange gemeinsame Zeit des Musizierens merkt man dem Dover Quartet an: Kaum ein anderes Streichquartett bringt es – bei grandioser Virtuosität jedes Einzelnen – zu einer ähnlichen Präzision im Zusammenspiel. Ein Atem, ein Gedanke: So perfekt sind alle vier aufeinander eingespielt.

Wie entspannt sie dabei musizieren, zeigten sie beim eingangs gespielten G-Dur-Quartett op. 76,1 von Joseph Haydn. Dynamisch mit riesiger Bandbreite vom warmen Piano bis zum orchestralen Fortissimo, spielten sie dennoch ohne jene übertriebene Dauer-Höchstspannung, die bei manchen der jüngeren Quartette so nervt. Die unangestrengte Musizierweise geht einher mit Differenzierung und grandiosen Farbwechseln. Die mandolinenartige Passage im Haydn-Finale klang wie von Zupfinstrumenten gespielt.

Erst recht beim Quartett h-Moll op. 11 von Samuel Barber mit dem berühmten Mittelsatz, dem Molto Adagio, zeigten sich die 170 Zuhörer von der Homogenität und Nuancierungskunst des Dover Quartet begeistert.

Höchstes spielerisches Niveau auch bei Beethovens D-Dur-Quartett op. 18,3, in dem die Dover-Musiker viel Mozartisches entdeckten. Hier hätte aber etwas mehr widerspenstige Energie vor allem vom Cellisten Camden Shaw gutgetan. Ganz bei sich waren die Musiker dagegen bei der Zugabe, dem Andante con moto aus dem Es-Dur-Quartett KV 428 von Mozart. Vom Dover Quartet wird man noch viel hören.

 Besprechung des dritten Konzertabends folgt.

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