Auftritt im Kulturzelt Kassel 

Gisbert zu Knyphausen: „Ich bin glücklicher geworden“

+
„Je länger die Pause, desto größer die Erwartungen“: Gisbert zu Knyphausen. 

Gisbert zu Knyphausen hat sich nach seinem gefeierten Album „Hurra! Hurra! So nicht“ sieben Jahre Zeit gelassen bis zur nächsten Platte. Am 10. August stellt er sie in Kassel vor.

Sie kommen demnächst ins Kulturzelt an der Drahtbrücke. Zuletzt haben Sie da in der Band von Olli Schulz gespielt. Haben Sie Erinnerungen daran?

Gisbert zu Knyphausen: Ja, ich kann mich ganz gut daran erinnern. Das war sehr, sehr sympathisch da. Ein schönes Zelt.

Was macht ein gutes Konzert aus?

zu Knyphausen: Wenn ich das Gefühl habe, ich bin richtig drin in den Songs. Das bedeutet, konzentriert und nah dran an dem Ursprungsgefühl, mit dem ich sie geschrieben habe. Wenn das Zusammenspiel mit der Band gut funktioniert und wenn man merkt, dass die Zuschauer entweder von Anfang an oder im Laufe des Konzerts immer aufmerksamer werden. Ich kann das nicht genau benennen, aber man merkt das, wenn sie dabei sind und man ein gemeinschaftliches Erlebnis kreiert mit der Band. Dann wird es richtig schön, dann fliegt man durch den Abend.

Und anschließend? Schwebt man beglückt, wenn man von der Bühne geht, oder kann man auch in ein Loch fallen und Leere spüren, wenn es vorbei ist? Oder ist man einfach kaputt?

zu Knyphausen: Wenn es ein gutes Konzert war, gibt es einem sehr viel Energie. Sowohl die Musik als auch das Publikum gibt einem eine unheimliche Kraft. Dann schwebt man tatsächlich beglückt von der Bühne. An manchen Abenden, wenn man merkt, man kann die Lieder nicht so gut singen, wie ich es möchte, fühle ich mich ein bisschen bekloppt. Dann ist es schwerer. Aber meistens läuft es ganz gut.

Was tut man, um wieder runterzukommen?

zu Knyphausen: Wir quatschen, trinken ein bisschen Bier, ich muss da nichts Besonderes tun. Wir hängen ein bisschen ab und freuen uns, dass wir zusammen spielen dürfen. Oder quatschen mit den Veranstaltern und Zuschauern.

Ist das auch mal schön, sich in eine Band zu integrieren, nicht als Frontmann im Mittelpunkt zu stehen?

zu Knyphausen:Ja, das war super, das hab ich sehr genossen. Ich hatte keinerlei Verantwortung, außer dass das Zusammenspiel gut klappt, meine Rolle als Bassist gut ausgefüllt wird. Das fand ich mal sehr angenehm. Sonst hab ich immer alles auf dem Schirm, logischerweise, weil ich der Chef bin. Ich fühle mich für die ganze Reisegruppe verantwortlich und das Konzert hängt von mir ab. Das ist natürlich in einer Band anders, da ist man ein kleinerer Teil. Das war eine schöne Erfahrung.

Wie wichtig ist es, dass man sich mit den anderen Musikern versteht?

zu Knyphausen: Na, sehr wichtig. Ich hätte überhaupt keine Lust, mit jemandem Musik zu machen, den ich nicht mag. Dann kann ich auch auf der Bühne mit dem nicht kommunizieren, das geht nicht. Die Leute müssen schon sympathisch sein, man muss sich mögen.

Sie haben sich vor dem neuen Album von Ihrer alten Band getrennt und neue Mitstreiter gesucht. Warum war dieser Impuls vonnöten?

zu Knyphausen:Ich hatte eh schon eine Weile nichts mehr mit der alten Band gemacht, mit der ich mein Album aufgenommen hatte. Als ich erstmal eine Pause gemacht habe, hat es sich einfach so angefühlt, dass ich etwas Neues ausprobieren wollte. Das bedeutet nicht, dass mit der alten Band nie wieder Musik mache. Das hat sich einfach wie der konsequent richtige Schritt angefühlt. Aber es war keine leichte Entscheidung, weil ich die Jungs von der alten Band sehr gerne mag. Und wir haben viel zusammen erlebt. Das ist mir nicht leicht gefallen, aber aus künstlerischer Sicht war es für diesen Moment die richtige Entscheidung.

Martin Wenk, der auch dabei ist, kommt aus Nentershausen in Nordhessen - er war schon ein paar Mal mit Calexico im Kulturzelt. Was schätzen Sie an ihm?

zu Knyphausen: Martin ist ein unglaublich vielseitiger Musiker, der viele Instrumente sehr intuitiv spielen kann. Er ist wahnsinnig gut. Das hat in der Bandbesetzung gefehlt: Jemand, der Trompete spielen und andere Instrumente spielen kann. So ein Martin Wenk ist Gold wert für jede Band.

Sie singen in „Dich zu lieben ist einfach“ über Ihre Freundin, die eine kleine Tochter hat. Was ändert sich dadurch? Ist es schwerer, auf Tournee zu gehen, wenn sie die beiden zu Hause lassen müssen?

zu Knyphausen:Ja, klar, auf jeden Fall. Wie bei allen Familien fällt es schwerer loszufahren, wenn man eine schöne Basis zu Hause hat. Aber andererseits bin ich so gerne unterwegs, dass ich auch das genieße. Und mich um so mehr freue, wieder nach Hause zu kommen. Das erfordert einfach ein bisschen mehr Planung.

Ihr jüngstes Album klingt viel lebensbejahender und leichter.

zu Knyphausen:Die Resonanz war zweigeteilt. Viele fanden das ausgeglichener und fröhlicher und andere total schwermütig. Es hat mich überrascht, wie unterschiedlich man das Album wahrnehmen kann.

Was hat sich geändert?

zu Knyphausen:Ich bin einfach ein glücklicherer Mensch geworden, das kann man auf jeden Fall sagen. Das spiegelt sich in den Songs wider. Auch wenn da viel Tod vorkommt. Aber das war eben auch Thema der letzten Jahre. Ich hab einfach gelernt, ein bisschen glücklicher durchs Leben zu gehen.

Kann man vielleicht sagen, dass Sie mit Melancholie besser umgehen können?

zu Knyphausen:Genau. Weg ist es nicht, das wird mich mein Leben lang begleiten. Aber ich kann mit diesen Phasen besser umgehen und die halten auch nicht so lang an wie früher.

Sie sagen in Interviews, dass Ihnen vor allem das Texten schwerfällt, Sie viel zweifeln und Sie Ideen lange mit sich rumtragen, wie bei einem Puzzle. Wann und woher kommt Ihre Inspiration? Können Sie sich hinsetzen und sagen, so, jetzt schreibe ich mal?

zu Knyphausen:Das interessiert immer alle Leute, aber ich finde es schwer, das zu beantworten. Die Inspiration für die guten Textzeilen kommt aus der Luft gefallen. Man kann dafür Räume schaffen, indem man Zeit freischaufelt. Ich brauche immer Müßiggang, damit sich Ideen entfalten können. Es kann aber auch sein, dass nichts Brauchbares rumkommt, wenn ich mich stundenlang an den Schreibtisch setze. Ich bin sehr angewiesen auf einen Moment der Inspiration, den ich nicht kontrollieren kann. Der kommt und dann muss ich Glück haben, die Zeit zu haben, die Idee auszuarbeiten. Deshalb darf ich nie alles zuplanen.

Ihre ersten Alben waren riesige Erfolge, Sie wurden als Genie und Gigant gefeiert.

zu Knyphausen:Oh Gott, oh Gott…

Wie sehr haben Sie die Erwartungshaltung gespürt, dem gerecht zu werden?

zu Knyphausen:Das hab ich schon gemerkt, auch in den Reaktionen auf die neue Platte, vor allem weil die Pause so lang war. Die zweite Platte wurde so hochgejubelt, da baut sich schon eine Erwartung auf, jedes Mal so einen Geniestreich zu liefern, der in meinen Augen gar kein Geniestreich war. Aber das wird ja von Kritikern in die Welt gesetzt. Ich habe einfach gemerkt: Je länger die Pause wurde, desto größer die Erwartungen, dass das nun ein Meisterwerk wird, für das ich mich fünf Jahre vergraben habe.

Kommt der Druck von außen oder macht man sich den auch selbst?

zu Knyphausen: Naja, den macht man sich schon vor allem selbst. Man hat selbst in der Hand, wie ernst man das nimmt.

Ihre Familie betreibt ein Weingut im Rheingau. Wie hat sie reagiert, als klar waren, Sie gehen nicht den ganz konventionellen Weg und studieren irgendwas Vernünftiges, Jura oder BWL?

zu Knyphausen:Wie die meisten Familien reagieren - das fanden sie nicht so toll. Eltern wollen ja immer, dass ihre Kinder abgesichert sind. So war’s bei mir auch. Das wurde merkwürdig beäugt, als ich beschlossen habe, allein auf die Musik zu setzen. Das hat sich gelegt, als die ersten Presseartikel kamen. Da dachten sie: Scheint ja Hand und Fuß zu haben.

Jetzt öffnet sich das Weingut für Ihr eigenes, bereits ausverkauftes Konzert „Heimspiel“. Das ist es wahrscheinlich wirklich.

zu Knyphausen: Auf jeden Fall. Es ist daher entstanden, dass ich von Anfang an immer ein „Homecoming“-Konzert gespielt habe, daraus hat sich ein Festival entwickelt. Jetzt spiele ich nicht mehr jedes Jahr - dieses schon - sondern lade Bands ein. Und das ist total geil, dass meine Familie Lust darauf hat, das zu organisieren. Auch wenn das vielleicht nicht immer deren Musikgeschmack ist. Aber da habe ich ein Riesenglück, dass die alle Mega-Spaß daran haben.

Sie waren in Ihrer langen Pause viel unterwegs, in Iran, Russland, Albanien, Südfrankreich - was haben Sie von den Reisen mitgebracht?

zu Knyphausen:Ich kann das nicht so auf einen Nenner bringen, aber jede Reise hat mich sehr bereichert. Ich liebe das, in andere Welten einzutauchen. Das öffnet den Horizont für andere Kulturen und macht einfach toleranter. Mir hat es jede Menge Lebensfreude gegeben. Ich kann es gerade nicht besser beschreiben.

Und wo zieht es Sie als nächstes hin?

zu Knyphausen: Es gibt viele Ziele. Im Herbst hätte ich Zeit. Aber ich habe mich entschieden, in Berlin zu bleiben und Songs zu schreiben.

Kulturzelt Kassel: Freitag, 10. August, 19.30 Uhr. Karten: Tel. 0561/203204.

Zur Person

Gisbert Freiherr zu Innhausen und Knyphausen, am 23. April 1979 in Wiesbaden geboren, ist in Eltville-Erbach im hessischen Rheingau aufgewachsen. Er studierte Musiktherapie in Nijmegen, Niederlande. Seine Alben „Gisbert zu Knyphausen“ und „Hurra! Hurra! So nicht“ sorgten für Furore, ehe er bis zu dessen plötzlichem Tod 2012 mit Nils Koppbruch unter dem Namen Kid Kopphausen Musik machte. 2017 erschien das jüngste Album „Das Licht dieser Welt“. Zu Knyphausen lebt in Berlin.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.