Premiere im Opernhaus

Neu inszeniert: Giuseppe Verdis' Oper "Falstaff" lief im Staatstheater Kassel an

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Er bekommt eine Abreibung: Der Schwerenöter Falstaff (Domenico Balzani, Mitte).

Adriana Altaras inszeniert Giuseppe Verdis letzte Oper "Falstaff" im Staatstheater Kassel. Die Premiere im Opernhaus ist nicht ganz ausverkauft. 

Seine Zeit ist abgelaufen. Das signalisiert eine Kommodenuhr, schon ehe sich der Vorhang hebt. Sir John Falstaff ist ein Monster, werden sie singen. Ein Mannsbild, das nur „essen, trinken, vögeln“ kennt, wie es Regisseurin Adriana Altaras formuliert. Am Staatstheater Kassel hat sie Giuseppe Verdis letzte Oper in Szene gesetzt, die Premiere im nicht ganz ausverkauften Opernhaus fand ein geteiltes Echo.

Die von Etienne Pluss gestaltete Bühne zeigt den Verfall: Ein altes, abgeranztes Hotel, in dem Falstaff (Domenico Balzani) in einem Guckkasten-Zimmer haust. Die gleichlautenden Briefe, mittels derer er sich den Damen Alice Ford und Meg Page für eine Affäre anpreist, schreibt er mit einer alten Schreibmaschine. 

Die Szenerie verströmt muffige 50er-Jahre-Atmo. Stammt auch die Inszenierung aus dieser Zeit? Mitunter könnte man das denken, eine Spur in die Gegenwart wird jedenfalls nicht gelegt – wo doch die Frage, was geht und was nicht geht zwischen den Geschlechtern, durchaus aktuell ist.

So läuft die Komödie mehr harmlos als drastisch ab. Witzige Pointen gibt es, allein dass Falstaff einen Schottenrock trägt (Kostüme: Nina Lepilina), macht sein Balzverhalten zur Lachnummer. Zweimal wird er in die Falle gelockt: Das erste Rendezvous wird in die Hotelküche verlegt, wo zuvor sinnbildlich ein Hahn gerupft wird, und endet im Wäschewagen, der in den Fluss gekippt wird. 

Das zweite Treffen im magischen Wald wird im labyrinthischen Hotel veranstaltet. Alles sehr klamaukig – beim Auftritt der jungen Nannetta mit Pappkrone samt Gefolge in weißen Gewändern, denkt man gar an einen Kindergeburtstag. Schließlich wird Falstaff, der in der Wortwörtlichkeit dieser Szene ein Geweih trägt, mit Messern, Gabeln und Nudelhölzern eine Lektion erteilt.

Doch was ist mit der komplexen, gleichermaßen realistischen wie hintergründigen Musik Verdis, die nicht nur die Figuren tiefenscharf zeichnet, sondern auch in den rasanten Ensembleszenen offenlegt, was kritische Situationen mit Menschen machen? 

Generalmusikdirektor Francesco Angelico und das Staatsorchester schaffen es, die bezeichnende Klarheit der Partitur und das rauschhaft Irisierende in eine feine Balance zu bringen. Die wenigen kleinen Verschiebungen zwischen Bühne und Orchestergraben bei den sich überschlagenden Ensembles fallen da kaum ins Gewicht.

Auch gibt es hervorragende Sängerleistungen. Domenico Balzani singt und lebt den Falstaff auf besondere Weise. Darstellerisch fügt er sich in das Karikaturhafte der Bühnenfigur ein, um dann sängerisch mit grandioser Souveränität und stimmlichem Glanz auch viele Zwischentöne zu finden.

Souverän und stimmlich hochklassig präsentiert sich die als hibbelige Windsor-Weiber vorgeführte Damencrew. Alice Ford wird durch Ani Yorentz’ weich-voluminösen Sopran zur verkappten Romantikerin, während Marie-Luise Dreßen eine handfeste Meg Page abgibt. Dass Mrs. Quickly nicht nur Drahtzieherin von Intrigen ist, sondern wahrlich ein komplexer Charakter, beweist Ulrike Schneider mit fein nuanciertem Mezzo-Wohlklang.

Ein tolles junges Paar sind Karola Sophia Schmid als Nannetta und Daniel Jenz als Fenton: Frisch, strahlend und mit viel Emotion sorgen sie für die lyrischen Momente der „Commedia lirica“. Ausdrucksstark, aber in der Höhe etwas angestrengt, gestaltet Marc-Olivier Oetterli den eifersüchtigen Ford, und als Diener-Lümmel überzeugen Younggi Moses Do und Hee Saup Yoon. Jubelnd vereint sind sie alle in der Schlussfuge: „Alles auf Erden ist Spaß.“

Beim Premierenpublikum gab es neben einigem Jubel auch verhaltene Reaktionen.

Wieder am 20., 24. und 28. 10., Karten: 0561 / 1094-222.

Das Ensemble Sir John Falstaff: Domenico Balzani, Ford: Marc-Olivier Oetterli, Fenton: Daniel Jenz, Dr. Cajus: Johannes An, Bardolfo: Younggi Moses Do, Pistola: Hee Saup Yoon, Alice Ford: Ani Yorentz, Nannetta: Karola Sophia Schmid, Mrs. Quickly: Ulrike Schneider, Meg Page: Marie-Luise Dreßen, Kellner: Bernhard Modes (stumme Rolle).

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