„Zirkus“ der Werkgruppe 2 in Göttingen: Glitzernder Pragmatismus

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Verletzlich hinter der glitzernden Fassade: Isabelle Stolzenburg als Artistin.

Göttingen. Es ist dunkel in der Saline Luisenhall in Göttingen. Der Platz vor den Holzbänken der Zuschauer ist leer, lediglich ein wenig Stroh liegt auf dem Boden vor der Premiere von „Zirkus“, einem dokumentarischen Theaterprojekt der Werkgruppe 2. „

So stelle ich mir den Zirkus aber nicht vor“, bemerkt eine Zuschauerin und tatsächlich: Keine Manege, kein buntes Scheinwerferlicht, kein Trapez. Stattdessen schieben zwei Männer einen Wohnwagen in den Raum, besonders groß ist er nicht, dafür hängt im Fenster jede Menge Lametta. „Das kostet fast wie ein Haus“, sagt einer der Männer, er trägt falsche Wimpern und Tennissocken, er ist Zirkusdirektor.

Aus dem Wohnwagen steigt die Familie, Esmeralda, Stella Starlight, Estrella, sie alle sind in den Zirkus hineingewachsen, so richtig ausgesucht haben sie sich das nicht, aber „man macht einfach das, was die Eltern machen“.

Es ist dieser Pragmatismus, welcher die gesamte Inszenierung von Regisseurin Julia Roesler durchzieht. Basierend auf Interviews mit Zirkusmenschen aus ganz Deutschland entwickelte die Werkgruppe 2 ein Stück, welches hinter die Theaterschminke blickt, das sich schonungslos aber stets respektvoll dem Leben der Artisten, Jongleure und Clowns nähert.

Die Füße der Tigerdompteurin (Franziska Roloff) stecken in Gummistiefeln, auf ihrem Kopf aber thront eine glitzernde Krone, sie will nicht so recht ins Bild passen. Und doch ist da dieses Besondere, das von ihr ausgeht, das Entertainment, das jeden Moment der Zirkusfamilie zu bestimmen scheint, der Zwang und die Lust zu unterhalten, das Publikum für Momente den Alltag vergessen zu lassen.

Und so erzählen sie von ihrem Leben, auf das sie stolz sind und das sie dennoch stets zwingt, sich zu rechtfertigen: weil sie Tiere dressieren, weil ihre Kinder ständig die Schule wechseln, weil sie anders sind als „die Normalos“.

Das Stück lebt dabei von einem fantastisch inszenierten Wechsel zwischen Witz und Verletzlichkeit, etwa wenn beim Frühstück aus einem Ei plötzlich ein Elefant schlüpft und im nächsten Moment ein Mitglied der Zirkusfamilie von seiner Angst vor den riesigen Tieren berichtet.

Und dann ist da die Musik. Mal behutsam, mal unangenehm laut umspielt sie die Erzählungen der Schauspieler und schafft dabei stets die passende Atmosphäre, sei es durch Gesang (großartig: Insa Rudolph) oder den dünnen Klang einer Säge. Sie öffnet die Augen für das Seelenleben der Zirkusmenschen, die ernüchtert sind von der Härte des Lebens und dennoch nicht aufhören zu träumen: Vom Applaus, der Bewunderung, der eigenen Unsterblichkeit.

Standing Ovations für eine herausragende Inszenierung.

Saline Luisenhall, Greitweg 48. Wieder: 14. und 15. Juni, Kartentelefon: 0551/ 496911.

Von Hannah Becker

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