Das Glück war gestern

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Zerfleischen, wüten, sehnsüchtig sein: Bernd Hölscher und Eva Maria Sommersberg in der Hotelbar in Tokyo.

Kassel. Zuweilen legt sich für einen Moment ein Schleier von Melancholie über die Szene. Dann stehen die vier Schauspieler auf der Bühne und singen zur Musik von Johannes Winde den Sommerhit der französischen Band Daft Punk, „Get lucky“, wie traumverloren:

Bar-Atmosphäre, waberndes Trockeneis, und das Glück scheint von gestern. Denn heute ist Krieg. Ehekrieg.

Sebastian Schug inszeniert in der tif-Premiere am Staatstheater Kassel Tennessee Williams’ selten gespieltes Stück aus dem Jahr 1969 „Eine Hotelbar in Tokyo“.

Als der US-Erfolgsautor Williams in seiner künstlerischen Spätphase das Stück schrieb, blieb dieses erfolglos. Die Amerikaner flogen zum Mond, Aufbruchsstimmung, wen interessierten da Williams’ lebensuntaugliche Gestalten, seine Leidensgeschichten, seine Selbstwiederholungen? Heute scheint die Zeit über das Stück hinweggegangen zu sein und gerade deshalb in sie zu passen. Wenn auch in Tokio verortet, kann das 90-minütige Drama, hier in einer Übersetzung von Thomas Huber, überall spielen, irgendwo und nirgendwo.

Im Kasseler tif hat Bühnenbildner Christian Kiehl (auch Kostüme) eine bunt zusammengewürfelte Hotelbar geschaffen, in der der Barmann (Thomas Sprekelsen) seine Cocktails mixt und die erotischen Attacken von Miriam in fernöstlicher Manier mit Ruhe und Gelassenheit abfedert.

Ganz langsam und fast nebenbei nimmt die Inszenierung Schugs an Fahrt auf: Das entspannte „Lost in Translation“-Feeling, dieser Schwebezustand zwischen Tag und Nacht in einer Bar, verlöscht, als Ehemann und Künstler Mark in den Raum torkelt, das Endspiel zwischen Mann und Frau beginnt.

Bernd Hölscher als besessen mit der Kunst ringender Mark ist ein vibrierender, schwitzender Koloss Mensch mit den Gefühlen und Ängsten eines kleines Jungen. Wenn er seine Frau umarmt, ist es wie Strangulation und Hilfeschrei zugleich. Das ist eine große, großartige Rolle für Hölscher, passgenau auf ihn zugeschnitten.

Mann und Frau und Frau und Mann. Zwei Nationen und keine gemeinsame Sprache? Nur Zerfleischen und Wüten und Sehnsüchtig-Sein. Marks gewalttätige Todessehnsucht und künstlerische Exzesse treffen auf ihre heftig propagierte Vitalität und Lebenszugewandtheit: „Niemals den Kreis des Lichts verlassen.“

Eva Maria Sommersberg umgibt Miriam mit spielerischer Verführungskunst und trotzig-beharrendem Zug um den Mund. Sicher eine Spur zu jung für diese Rolle, gelingt es ihr dennoch auf berührende Weise, den Widerspruch dieser Frau deutlich zu machen: Partymädchen hat Angst vor dem Alter, Sexy-Girl führt die tödliche Pille immer mit sich.

Wie zerbrechlich sind all diese Menschen und wie hoffnungslos einsam. Heftiger Applaus, als das Licht verlöscht.

Nächste Termine: 13. und 22. Februar, 20.15 Uhr, Karten: Tel. 0561/1094222, www.staatstheater-kassel.de

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