Ein Glück nicht nur für Kinder: „Kaltes Herz“ am Staatstheater Kassel

Meister der Verwandlung: Uwe Steinbruch spielt Peter Munk und dessen Gegenspieler. Foto: Mierke

Kassel. Angenommen, man hätte drei Wünsche frei, so würden wohl die meisten Leute Reichtum und Anerkennung und ein Leben in Saus und Braus wählen. Das ist nun mal so, um nicht zu sagen - es ist menschlich. Ob es dumm ist, steht auf einem anderen Blatt Papier. Von daher sind wir alle irgendwie Peter Munk!

Peter Munk? Das ist die Hauptfigur, der arme Köhlerjunge, in Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“ von 1828. Es geht um Neid und die romantische Sehnsucht nach dem ewigen Glück. In der Ära des entfesselten Raubtierkapitalismus’, sozialer Ausgrenzung und prekärer Beschäftigungen eine nach wie vor aktuelle Thematik.

Am Sonntag feierte die Märchenbearbeitung für die Bühne durch Dieter Klinge und Uwe Steinbruch Uraufführung im Tif des Kasseler Staatstheaters. Klinge, der auch für die Inszenierung verantwortlich ist, und Steinbruch, der sämtliche Rollen spielt, haben mit „Kaltes Herz“ eine Version geschaffen, die die Essenz des Stücks für Kinder ab acht Jahren ausgezeichnet herausarbeitet, ohne die moralische Keule zu schwingen.

Steinbruch tritt zunächst als Erzähler in die Kulisse (Bühnenbild und Kostüme: Isabell Heinke). Senkrecht herabhängende Bretter symbolisieren den Schwarzwald und staffeln den Raum in die Tiefe. Eine schöne Idee ist, die musikalische Begleitung unmittelbar in das Geschehen zu integrieren: Im Hintergrund ist eine Art Tonstudio aufgebaut, wo Georgy Vysotzky Instrumente bedient und so das Spielgeschehen unaufdringlich und bisweilen humorvoll akustisch kommentierend ergänzt.

Steinbruch alias Peter Munk ist mit Kniebundhose und weißem Hemd zünftig gewandet. Als böser Holländer Michel, dem Munk ja sein Herz gegen 100 000 Gulden verpfändet (und dafür einen Stein eingepflanzt bekommt, der ihn gefühllos werden lässt), braucht er bloß das Gesicht schief zu ziehen, um bizarr-gruselig auszusehen, während er als Munks reicher Saufkumpane Ezechiel bloß schwäbelt, einen Dreispitz aufsetzt und eine Jacke überstreift, um perfekt den Gegenspieler zu geben.

Die vielen Verwandlungen und die minimalistische Ausstattung regen die Fantasie an. Im Grunde ist das Stück eine faszinierende szenische Lesung, die ans Herz geht, ohne rührselig zu sein.

Nächste Termine: 19., 25. und 26. Oktober im Theater im Fridericianum. Karten: 0561/1094-222.

Von Andreas Gebhardt

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