Neu im Kino: „Liebe“ ist das neue Meisterwerk von Michael Haneke

Das Glück verblasst

... kann Anne (Emmanuelle Riva) nicht ansprechen. Fotos:  X-Verleih

Habe ich dir schon gesagt, wie hübsch du heute bist?“, fragt Georges, und wie er da im Flur steht, wirkt er ein wenig übermütig. Fast meint man, den alten Mann in seinem plötzlichen Romantik-Überschwang auf den Fußballen wippen zu sehen. Er schaut zu seiner Anne. Gerade sind sie vom Konzert in ihre Pariser Wohnung zurückgekehrt, sie ist im Schlafzimmer, wir sehen sie nicht. „Was ist denn mit dir los?“, entgegnet sie. Belustigt, aber durchaus geschmeichelt.

Die Kamera steht hinten im Flur, wir Zuschauer bleiben in der Distanz. Michael Haneke hat mit „Liebe“ erneut ein filmisches Meisterwerk gedreht. Das biedert sich nie an. Und wirkt gerade deshalb umso nachhaltiger.

Das liegt an der perfekten Kamera- und Schnittarbeit, an der sorgfältig-durchdachten Bildgestaltung und an der perfekten Erzählstruktur, die auf jede überflüssige Sekunde verzichtet.

Und das liegt an zwei Legenden der Schauspielkunst. Dem verehrungswürdigen Jean-Louis Trintignant und der wundervollen Emmanuelle Riva, 81 und 85 Jahre alt, möchte man nicht nur diese zwei Filmstunden lang fasziniert zusehen.

Georges und Anne sind betagte Musiklehrer. Lang verheiratet, ihr Alltag ist eingespielt. Bis Anne eines Morgens beim Frühstück erstarrt, nichts mehr wahrnimmt. Einige Sekunden verändern alles: Vom Schlaganfall erholt sie sich nicht mehr, Lähmungen bleiben, später kommen eine verpatzte Operation, ein weiterer Schlaganfall, Leid, Verzweiflung, Tod.

„Liebe“ berichtet vom Altsein, vom Hinfälligwerden und vom Sterben. Von Pflegebett, Windeln wechseln, Schnabeltasse. Von Überforderung und Einsamkeit.

Und von Liebe. Der großformatige Filmtitel wird in diesem fast nur in der Wohnung spielenden Film in die kleinen Lebensäußerungen heruntergeholt und vom Alltäglichen her erzählt.

Liebe? Das ist, sich beim Frühstück eine Geschichte aus der Kindheit zu erzählen. Das ist, einander zugewandt und aufmerksam zu sein und niemals in Gleichgültigkeit zu verfallen. Georges leistet Übermenschliches, wenn er Anne in der Wohnung betreut - besonders, als bei ihr Verzweiflung und Trotz die Oberhand gewinnen.

Eine Einstellung, die die nächtliche Wohnung zeigt, in der das Frühstücksgeschirr noch auf dem Tisch steht, reicht, um deutlich zu machen, dass hier ein Unglück passiert ist. Diese stillen, präzise inszenierten Momente zeigen Hanekes Meisterschaft und seine Fähigkeit, sich für sein Erzählen vollkommen auf die Bilder zu verlassen.

Ein Mann wie Georges bricht nicht zusammen. Aber wenn die Kamera sein Gesicht streift, sehen wir in seinen Augen immer mehr die Resignation hochschwappen, und das bricht einem fast das Herz.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: !!!!!

www.hna.de/kino

Von Bettina Fraschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.