Von Glücksgefühlen, Ergriffenheit und Wut: Zuschriften zur Polemik „Kunst hassen“

Kunst oder Provokation? Song Dongs „Doing nothing“ (Nichtstun)- Garten, ein Kunstwerk der documenta 13 im vorigen Sommer: ein bepflanzter und mit chinesischen Schriftzeichen versehener Erdhaufen auf der Karlswiese vor der Orangerie. Archivfoto: Malmus

Kunst hassen“ - mit diesem Buch sorgt Autorin Nicole Zepter für Furore. Mit enttäuschter Liebe begründet die 37-Jährige ihre polemische Abrechnung mit Kunst, die sie für maßlos überhöhten, banalen Götzendienst hält, eine PR-Maschinerie voller Klischees.

Bei aller berechtigter Kritik etwa am überhitzten Markt - darf man Kunst hassen? Welche Emotionen verbinden sich überhaupt mit Kunst? Wir haben unsere Leser gefragt. Eine Auswahl der Zuschriften.

Haben Sie ein so schönes Kunsterlebnis gehabt, dass Sie heftige Glücksgefühle verspürten und Künstlern bzw. Kuratoren dankbar waren?

Viele Glücksgefühle wurden geschildert: Zum Beispiel das mit Aufwand und Können geschaffene Kunstwerk des eigenen Kindes. Die Schau „Liebermanns Garten“ an einem grauen, trüben Tag in Hamburg. Ein Bild von Barnett Newman, in Berlin platziert neben Caspar-David-Friedrich-Gemälden. Jérôme Bels „Disabled Theatre“ im Kaskade-Kino bei der documenta 13. Die in den 50ern erstandene Lithografie („den Kaufpreis von 150 Mark musste ich mir leihen“), die Karlheinz Schmiedel (Kirchheim) bei jedem Hinsehen erfreut.

An seine Besichtigung der Marc-Chagall-Fenster in Mainz erinnert sich Helmut Jamrath (Kassel): „Die faszinierende Farbigkeit und Frömmigkeit haben mich tief beeindruckt und glücklich gemacht.“ Astrid Warzlberger (Gudensberg) zitiert Picasso: „Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele.“ Sie liebt Gemälde von Raffael oder Caravaggio, in denen ein „göttlicher Funke“ zu spüren ist. Bei der documenta werde „Straßenstaub vor die Füße geweht“.

Ganz anders sieht es Veronika Blum. Sie schildert, wie sie bei der documenta lernte, „dass man von Kunst leben kann“. Nicht finanziell. Aber Kunst halte geistige, seelische „Nahrungsquellen“ bereit. Wenn man unvoreingenommen sei, könne sie inspirieren, in den Bann ziehen, verzaubern.

Ihre Dauerkarte „hat mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt“, schreibt eine Leserin, die bittet, ihren Namen nicht zu nennen: „Wenn ich es nicht selber erlebt hätte, würde ich meine Aussage albern finden. Ich hatte regelrecht Schwierigkeiten, die documenta ,loszulassen’.“ Seither beschäftigt sie sich intensiv mit Kunst. Das mache ihr Leben bunt, spannend, vielfältig: „Dabei muss mir nicht alles gefallen. Ich muss es auch nicht immer verstehen.“

Haben Sie bei der Begegnung mit einem Kunstwerk geweint - vor Freude, Begeisterung, Rührung oder Traurigkeit?

„Ja, ich hatte öfter sehr feuchte Augen“, schreibt Axel Stalljohann. Das letzte Mal bei der d13, „als ich morgens an einem Sommertag die Installation von Susan Philipsz ,Study for Strings’ ganz allein an einem Gleis im Kassler Hauptbahnhof gehört habe. Mit dem Wissen um die Geschichte dieser Musik und dem örtlichen Bezug habe ich weinen müssen.“

Freudentränen vor Rührung und Überwältigung vergoss Rose Elisabeth Pflock aus Kassel, als 2007 der von Sanja Ivekovic gepflanzte Mohn auf dem Friedrichsplatz erblühte: „Zwar hatte die Natur über alles ,Künstliche’ der documenta gesiegt, aber wer hatte durch diese Idee einen Traum Wirklichkeit werden lassen? Jedenfalls war dies auch Kunst gewesen.“

Sind Sie bei der Begegnung mit einem Kunstwerk wütend geworden, wurden Sie laut oder gar körperlich aktiv, haben Sie protestiert oder gar randaliert?

Rose Pflock schickte uns ihren Leserbrief, in dem sie gegen den Kauf des Beuys-Raums für die Neue Galerie protestiert hatte: „Caesarenwahn“. Manfred Werner aus Verna war „wütend und sprachlos“, als 2007 Ai Weiweis „Template“ („Gerümpel“) auf der Karlswiese zusammenbrach. Den vergammelten Haufen habe der Künstler als vollendetes Werk betrachtet: „Das war hanebüchen, eine Verhöhnung. Wenn der Bundespräsident unter dem Schutthaufen gelegen hätte, was wäre es dann gewesen? Vermutlich eine neue Bestattungsart.“

Darf man Kunst hassen? Und das in Kassel, der documenta-Stadt, deren Selbstbild so eng mit zeitgenössischer Kunst verbunden ist? Das will der Kasseler Kunstverein am Sonntag, 16 Uhr, erörtern - beim „Advents-Kaffeeklatsch“ im Fridericianum. Es diskutieren Ann Schomburg, Meisterschülerin der Kunsthochschule und Trägerin des Kasseler Kunstpreises, Kunsthistoriker und Autor Christian Saehrendt sowie Ernst D. Lantermann, bis vor Kurzem Professor für Psychologie an der Uni Kassel. Die Zuschriften haben wir weitergereicht, einige Statements werden einbezogen.

Von Mark-Christian von Busse

Weitere Statements der HNA-Leser

Haben Sie ein so schönes Kunsterlebnis gehabt, dass Sie heftige Glücksgefühle verspürten und Künstlern bzw. Kuratoren dankbar waren? 

„Glücksgefühle hatte ich bei der Vorstellung eines Modells des Berliner Stadtschlosses, wie es wieder entstehen sollte.“ (Manfred Werner)

„Ja, schon oft. Ich erinnere mich z.B. noch ganz genau an das wunderbare Gefühl, das ich bekam, als ich auf der Berliner Jahrhundertausstellung im Jahr 2000 war. Ich ging aus dem umstrittenen Raum mit der pathetischen, flach-brutalen Nazikunst in den Raum, wo die Neue Moderne des Bauhauses vertreten war. Der Eindruck durch die spielerischen, humorvollen und experimentellen Aspekte dieser Kunst hat mich sehr glücklich und hoffnungsvoll gemacht. Grade die unmittelbare Begegnung mit dem, was Kunst sein und mit uns machen kann wenn sie nicht vergewaltigt wird, hat mich zutiefst berührt. Die Hängung von Barnett Newmans abstraktem Bild "Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue" (was ja 1982 schwer beschädigt wurde durch einen Angriff) in derselben Ausstellung hat mir ein anderes Glücksgefühl beschert. Das Bild wurde flankiert von zwei großen Landschaftsgemälden von Caspar David Friedrich. Auf den ersten Blick passten diese beiden Genres gar nicht zusammen. Je länger ich aber davor stand, umso mehr spürte ich, wie diese Bilder in einen dynamischen Dialog untereinander traten. Für das Erlebnis bin ich den Kuratoren immer noch sehr dankbar.“ (Axel Stalljohann)

Ich erlebte bei meiner ersten documenta 1992 eine vollkommen veränderte Stadt und sog diese Atmosphäre ein; die Dauerkarte war die Eintrittskarte in ein Dauer-Privileg. Wofür so viele Besucher nur ein Wochenende Zeit hatten, konnte ich drei Monate lang genießen. Kunstwerke, an denen sich zum Ende der Ausstellung riesig lange Schlangen bildeten, betrachtete ich unbehelligt und mit der Zeit, die ich mir selber einräumte, in aller Ruhe. Der Friedrichsplatz, ein Ort der Begegnung und Kommunikation. Dabei ließ ich mich von einem einfachen Prinzip leiten.Gab es in dem Bild oder der Installation etwas, was mein Interesse, meine Aufmerksamkeit weckte, spürte ich also die Lust, länger dort zu verweilen, dann tat ich das, ließ mich ein, rätselte, assoziierte, suchte und fand Verbindungen, Querverstrebungen. Ich habe eigentlich zu keinem Zeitpunkt innerlich an der Debatte teilgenommen, die viele Zeitgenossen beschäftigt: „Ist das nun Kunst oder kann das weg?“ Ich verhielt mich in gewisser Weise wie ein Kind, unvoreingenommen und nicht wertend, aber auch ohne falsche Hochachtung vor dem, was mich nicht anzog. Und ich erlebte genug, was mich in seinen Bann zog. (…) Wie verzaubert ich von dieser ersten so intensiven Kunsterfahrung war, zeigt mir das Bild meiner Erinnerung vom letzten Abend, der letzten Nacht der documenta. In den frühen Morgenstunden: eine kleine Feuerstelle auf der Wiese direkt vor dem Fridericianum. Menschen stehen zusammen, Menschen, die sich teilweise gar nicht kennen. Ich weiß, dass ich in einigen Stunden zu meiner Arbeit muss; aber jetzt ist jetzt und „jetzt“ bin ich in einer anderen Zeitrechnung. Es ist ein „Kairos“, einer dieser seltenen Momente, wo ich weiß, dass ich hier und in diesem Augenblick genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin. In diesen letzten Stunden dort am Friedrichsplatz bündelt sich die ganze Erfahrung der documenta, alles Erlebte, alle neuen Bezüge und Verbindungen, alles Schöpfen der Seele, alles Atmen und Aufatmen.“ (Veronika Blum)

„Als kunstinteressierter Laie nehme ich die Angebote in der Region gerne wahr, seien es documenta und andere in Kassel sowie wechselnde Ausstellungen in Willingshausen, Kleinsassen oder Bad Arolsen. Im Arolser Schloss haben mich z. B. die großformatigen Scanogramme von Tulpenblüten (Luzia Simons) zum Thema "Blütenzauber" beeindruckt. Auch einige dauerhaft in Kassel installierte Kunstwerke empfinde ich als Bereicherung. Wenn ich vorbeikomme, bleibe ich eine Weile an dem Rahmen neben der Documentahalle stehen und lasse das Bild der eingerahmten Orangerie auf mich wirken. Die Sammlung klassischer Gemälde im Schloss Wilhelmshöhe bietet immer wieder Neues zu entdecken, immer wieder einen Besuch wert.“ (Karl L. Stück)

„Als während der dOCUMENTA (13) der Künstler Jerome Bel im ehemaligen Kaskade-Kino sein großartiges „Disabled Theatre” präsentierte, bei dem körperbehinderten Menschen sich fast ekstatisch der Musik und dem Tanz hingeben, war ich tief ergriffen. Und als dann die selbstbewusst auftretenden Akteure sich selbst und ihre Behinderung vorstellten und über ihre Empfindungen bezüglich der Aufführung sprachen, standen mir die Tränen in den Augen. Manch andere Kunstwerke aus Galerien oder von der documenta konnten mich ebenfalls in ihren Bann ziehen und begeistern, oft aber erst durch das Wissen über die Hintergründe des Geschaffenen (seine Geschichte, die Intentionen, Parallelen etc.). Dazu gehören z.B. Bilder und Plastiken der Laokoon-Gruppe durch ihre mythischen Verflechtungen oder Nalini Malanis “Search of vanished blood” (d13), welches in seiner Dringlichkeit und Aktualität immer wieder durch Medienmeldungen aus Indien bestätigt wird.“ (Bernd Schäfer)

Sind Sie bei der Begegnung mit einem Kunstwerk wütend geworden, wurden Sie laut oder gar körperlich aktiv, haben Sie protestiert oder gar randaliert?

„Verständnis habe ich für den Ärger von Künstlern über den Kunstmarkt, in dem sie trotz großen Könnens nicht überleben können. Selber habe ich mich bisher nur über die Treppe vom Königsplatz geärgert. Nicht mal originell (die Grundidee war 1977 von dem Künstler Anatol bereits realisiert worden) verschandelte sie acht Jahre lang den Königsplatz. Der Abriss dagegen hatte fast Happeningcharakter. Ein konservativer OB als Aktionskünstler nach dem Motto "legal, illegal, scheißegal", wer hätte das gedacht? Ein Erlebnis mit Hass auf Kunst hatte ich in meiner Schulzeit. Im obligatorischen Aufsatz "Mein schönstes Ferienerlebnis" hatte ich von einem Besuch der Documenta 4 berichtet und besonders die verpackte Luft von Christo erwähnt. Die Note 6 war die Antwort meines erbosten Deutschlehrers.“ (Karl L. Stück)

„Nein, niemals über das Kunstwerk selber. Über die vermittelten Botschaften schon. Es macht mich z.B. sehr wütend wenn ich erfahre, was Menschen Menschen antun.“ (Axel Stalljohann)

„Im “Anger workshop” von Stuart Ringholt (Melbourne) in der Neuen Galerie (2012, d13) wurde ich durch ihn derart zu “stressabbauenden” Ausbrüchen angetrieben und mit den anderen Teilnehmern zu infernalischem Gebrüll provoziert (fast “gezwungen”) , dass ich/wir während der etliche Minuten währenden Aktion das Gefühl hatte/n, das Gebäude zum Beben zu bringen. Tatsächlich aber bebten nur wir selbst und unsere Stimmbänder, was die meinen anschließend mit dreitägigem Streik quittierten, während dem sie nur noch mehr oder weniger heiseres Krächzen zuließen. Die Sicht auf Bilder, Bildhauerei, Performance u.a. kann mich grundsätzlich nicht wütend machen, weil ich weiß, dass die Kunstgestaltung und auch das Kunstempfinden sehr subjektiv sind und frei auszuleben sind. Sehr verärgert aber war ich angesichts mancher “Machwerke”, wenn ich die Produktion als sehr minderwertig, oberflächlich und als Frechheit dem Publikum gegenüber auffasste (Kitsch, Effekthascherei, billige Nachahmung, radikal-politischer Ausdruck ohne den ehrlichen Versuch, etwas Kunstvolles/Originelles zu schaffen “Kunst” usw.) Hier beziehe ich die gestaltende Kunst des Theaters oder des Filmes mit ein.“ (Bernd Schäfer)

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