Goetheschüler thematisieren im Theaterstück „Zum (Lebe)Wohl“ sexuellen Missbrauch in der Familie

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Wenn die Wahrheit aufbricht: Wilhelm (Arthur Morozov, links) mit seinem ein Sohn Paul (Moritz Brandt). Foto: Malmus

Kassel. Ausgerechnet Paul (Moritz Brandt). Als „Kind ein Träumer, ein Schweiger“, wie ihn die Mutter (Alica Klein) beschreibt, zerfetzt er mit seiner Anklage die in Jahrzehnten gewachsene Fassade des Vaters: „Ein Hoch auf den Mörder meiner Schwester. Du bist krank. Du hast unsere Familie zerstört.“

Worte, die sich wie ein Korkenzieher ins Fleisch des Vaters bohren. Und das an dessen 50. Geburtstag. Vor allen Gästen, die zur opulent bestellten Feier gekommen sind, um Wilhelm Ebeling (Arthur Morozov) zu gratulieren, zu huldigen. Auch Sohn Andreas (Tyll Schmidt), das schwarze Schaf der Familie, ist gekommen, ja sogar der Bürgermeister und der örtliche Kegelverein. An weiß gedeckten Tischen haben sie Platz genommen. Bewirtet von Kellnern, unterhalten von einem Musiker. Hier wird nicht gespart am schönen Schein. Fehlt nur Tochter Amalie. Sie lebt nicht mehr. Ein Leichentuch des Schweigens deckt ihren Tod zu.

Ein glühend heißes Eisen hat die DS-Gruppe, Q2, des Goethegymnasiums angepackt: Sexueller Missbrauch in der Familie. Unter dem mit Bedacht zynisch formulierten Titel „Zum (Lebe)Wohl“ feierten die Schüler unter der Leitung von Julia-Cleo Binnenmarsch am Dienstag eine gelungene Premiere. Die Botschaft des Stückes kommt klar und eindringlich: Augen auf, Mund auf. Sexueller Missbrauch geht uns alle an.

Um das zu verdeutlichen, sitzen die Besucher neben den Darstellern an den Tischen, werden zu Gästen gemacht. Singen mit, gratulieren, reihen sich in eine Polonaise mit ein - Mitläufer, schweigende Masse. Gespielt wird überwiegend im Saal, geschmückt wie ein Festsaal.

Auf der Bühne die verstorbene Tochter, dargestellt von einer Gruppe Schülerinnen. Gekleidet wie antike Tempeldienerinnen tanzen sie, singen sie und geben dem Tod Amalies ein eindringliches Bild: Selbstmord. Zu groß war die Last und Scham, vom eigenen Vater missbraucht zu werden. Fazit: Respekt und viel Applaus für das 28-köpfige Schülerteam und ihre Leiterin.

Es spielten außerdem: Iman Cherfaoui, Leonie Heinemann, Nathalie Hochapfel, Yaren Burgucu, Emel Altinok, Edita Kurtisoski, Normann Richert, Leonid Goschko, Majlinda Zenku, Till Welch, Nils Gericke, Lukas Hupe, Danial Akhawananpur, Timo Illert, Haris Dzomba, Diana Al-Dalqamouni, Timo Schäfer, Jasmina Sinanovic, Okan Aytemur, Max Plünnecke.

Von Steve Kuberczyk-Stein

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