Krawatten machen Leute

Im Land der Bräunungscreme: Am DT geht es knallig bunt und überdreht zu

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Aufbruch in ein neues Leben: Hauptdarsteller Benjamin Krüger als Jean (am Mikrofon), umgeben von Katharina Uhland (von links), Gaby Dey, Benjamin Kempf, Moritz Schulze, Anton von Lucke, Karl Miller und Ralf Sepan.

Göttingen. Eine weiße Krawatte, eine Blüte am Revers: Fertig ist der Kavalier. Für Kellner Jean (mit starker Bühnenpräsenz: Benjamin Krüger) kann die Reise in ein neues Leben beginnen.

Und zwar, als er bei einem Ball unverhofft mit einem Gentleman seinen Binder tauscht, Schwarz gegen Weiß. Jean bekommt für die Halsschmuck-Transaktion tausend Mark, wo er selbst doch seine Krawatte beim Kellnerverein für 80 Pfennige gebraucht erstanden hatte. Ein Lotterielos gibt es obendrauf, der feine Herr ist offenbar in Bedrängnis. Und als bei der Tombola auch noch der Hauptgewinn herausspringt, eine Dampferüberfahrt nach New York, kennen seine Kellnerkollegen Jean schon nicht mehr.

Krawatten machen Leute, und ein simples Papierkärtchen mit einer Losnummer hat die Kraft, Lebenskurven in eine andere Richtung zu biegen. Die Hoffnung, einem vorgezeichneten Weg zu entfliehen, und das Bedürfnis, herauszufinden, wie eng man in die Gesellschaft eingebunden ist, sind die Themen, durch die die 20er-Jahre-Revue „Zwei Krawatten“ von Georg Kaiser und Mischa Spoliansky ihre lockere Anbindung in unsere Gegenwart findet.

Die Premiere des heiteren Musikstückchens wurde am Samstag in der Regie von Antje Thoms am Deutschen Theater in Göttingen mit viel Applaus aufgenommen.

Die Choreografien von Valentí Rocamora i Torà sind großartig detailreich, die Swingband unter Leitung von Michael Frei spielt schmissig und nuanciert auf. Zusammen mit ambitionierten Tänzern und den gut aufgelegten Schauspielern, die auch zu ihren teils begrenzteren Gesangskünsten stehen, entrollt sich eine knallig-bunte Revue, die sich durch den Mut zu hemmungsloser Albernheit auszeichnet. Der Erzählkern ist im Prinzip flach wie ein Programmzettel, will Tiefgründigkeit aber auch gar nicht erst vortäuschen.

Schon die fies glänzenden Kostüme von Florian Barth (auch Bühne) setzen starke Akzente. Das Amerika, in dem Jean landet und wo er beinahe Mabel (herrlich begriffsstutzig: Katharina Uhland), Sprössling der steinreichen Chicagoer Fleischverarbeitungs-Fürstin Frau Robinson (divenhaft: Gaby Dey), heiratet, wird als puppenhafte Barbie-und-Ken-Welt gezeigt, in der an Bräunungscreme nicht gespart wird.

Mit Tänzen zwischen pinkfarbenen Gummiflamingos und mit Ausschweifungen rund um ein grundschulkindgroßes Ananasbowlen-Gefäß lässt es sich prächtig leben – doch irgendwann kommt Jean in eine derartige Bedrängnis, dass auch er seine Krawatte mit einem Kellner tauschen und verschwinden muss.

Parallel zur kreischigen Kunstwelt wird in der lockeren Szenenfolge die Geschichte der deutschen Trude (bescheiden in Jeans und T-Shirt: Marie Seiser) erzählt, die ihren Freund Jean sucht und dabei einen Anwalt (wunderbar angeekelt: Andreas Jeßing) trifft, von dem sie erfährt, dass sie Erbin eines Millionenvermögens ist, das jenes der Wurstkönigin noch übertrifft.

Die Szenenbilder vom videoprojizierten Times Square in New York, von den sich rhythmisch bewegenden Wellen auf der Dampferüberfahrt und aus der Enge eines Zugabteils bringen Struktur in den Abend. Zu den Liedhöhepunkten gehören der Hit „Leben ohne Liebe kannst du nicht“ sowie „Einmal keine Sorgen haben“, die beide auch als Zugabe dargeboten wurden.

Weitere Vorstellungen am 3., 14., 29. Dezember, Karten: 0551-496911.

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