Premiere am Samstag

Friedels „Schwanengesang“ berauschte am Deutschen Theater in Göttingen

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Filmische Elemente: Szene mit Johannes Rebers und Christina Jung.

Göttingen. Das Bühnenstück verbindet die letzten Schubertlieder mit dem fiktiven Leben eines Göttinger Humangenetikers.

Niemals alt und krank werden, wie wäre das schön! Wäre es schön? Christian Friedels Bühnenstück „Schwanengesang“, das am Samstagabend im fast ausverkauften Deutschen Theater in Göttingen Premiere feierte, näherte sich der überzeitlich spannenden Frage nach den letzten Dingen mit einer Verquickung aus den letzten Schubertliedern und dem fiktiven Leben eines Göttinger Humangenetikers.

Dr. Franz-Dietmar Bitthan hat sich mit Leib und Seele der Wissenschaft verschrieben, genauer noch: Der Göttinger ist Spezialist für die menschliche DNA. Sein Forschungsgebiet betrifft „alles, was das Herz angeht“. 

Angetrieben wird Bitthan in seinem Ehrgeiz, das Wissen zu mehren, von einer dramatischen Familiengeschichte. Sowohl seine Mutter als auch sein Bruder sind an Herzerkrankungen verstorben. So erfahren es die Zuschauer zu Beginn des Stücks in einer Art Vorlesung vor hell erleuchtetem Saal.

Als das Lied „Ihr Bild“ von Franz Schubert aus den Reihen des Publikums angestimmt wird, kippt die Szenerie abrupt. Der Bühnenraum (Alexander Wolf) öffnet sich nach hinten, Protagonist und Zuschauer werden in eine andere Welt katapultiert: eine albtraumhaft düstere Sphäre mit Erinnerungen an die Nachkriegszeit und die Mutter.

Chamäleonhafte Verwandlungen

Insgesamt fünf Mal machte das Stück von Christian Friedel (Regie und Musikalische Leitung) und seinem Team solche chamäleonhaften, auf maximalen Effekt ausgelegten Verwandlungen durch, unterstützt durch ein breit gefächertes Arsenal an Licht- und Bühneneffekten (Video: Clemens Walter). Die Premiere am Samstagabend wurde bejubelt.

Am beeindruckendsten geriet vielleicht der rotierende, mit Videos gekonnt projizierte Holzkasten, in dessen engen Wänden von der Karriere und dem Privatleben des jungen Wissenschaftlers erzählt wurde. Nicht erst hier zeigte das 13-köpfige Ensemble (Kostüme: Ellen Hofmann Frederike Marsha Coors) eine bemerkenswerte Koordination und ein mitreißendes Spiel.

Das rasante Erzähltempo ähnelte einem Film, inklusive Überblendungen und zurückgespulten Passagen. Auch der moderne Tanz (Choreografie: Valentí Rocamora i Torà) bekam breiten Raum, indem das Ensemble etwa zuckende Nerven imitierte oder ein durch Echo erweiterter Stepptanz die Verzweiflung des Protagonisten schilderte. Selbst das Theater spiegelte sich in diesem Stück als Kunstform, besonders mit der absurden Persiflage eines barocken Lustspiels kurz vor Ende (Kostüme: Ellen Hofmann).

Streicher mit besonderer Rolle

Und Schuberts Lieder? Sie werden in „Schwanengesang“ zum Soundtrack eines Lebens, allein gesungen, gekreischt, zur Schrammelgitarre vorgetragen, in ein kitschiges Chorarrangement gekleidet, mit Elektronik-Beats unterlegt und schließlich – wie im Fall vom „Atlas“, bei dem der ausgelaugte Forscher den Eisernen Vorhang auf seinen Schultern tragen muss – auf ihren Text reduziert. 

Eine besondere Rolle nimmt dabei ein Streichquartett ein. Im hinteren Teil der Bühne übernimmt es die Begleitung der singenden Darsteller, spielt aber auch Instrumentalmusik von Schubert und Ligeti. Die Respektlosigkeit, mit der Friedel sich bei Schuberts Werken wie in einem Steinbruch bedient, kennt allerdings auch Grenzen. So erklang der Beginn des Streichquartetts „Der Tod und das Mädchen“ für sich – ohne Show, ohne Beiwerk oder Verfremdung, und doch mit Gänsehautfaktor.

Der fiktive Wissenschaftler verzettelt sich am Ende zwischen all seinen Genomen und Phänotypen, Heilsvisionen und persönlichen Ansprüchen, ohne eine erfüllende Antwort zu finden. Die Kunst dagegen kann offenbar auch für sich stehen. Und sie lebt weiter.

Info: Weitere Vorstellungen am 12., 19., 22.9., Karten: 0551/4969300

Von Felix Werthschulte

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