Premiere: „Der goldne Topf“ nach E.T.A. Hoffmann

Wettstreit zwischen virtueller und realer Welt am Jungen Theater in Göttingen

Eventuell führt der Weg in den digitalen Abgrund: Jens Tramsen als Anselmus mit Lichterkettenkostüm bei einer Aufführung von „Der goldne Topf“ am Jungen Theater (JT) in Göttingen.
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Eventuell führt der Weg in den digitalen Abgrund: Jens Tramsen als Anselmus mit Lichterkettenkostüm.

Dass Märchen keinesfalls altbacken sein müssen, hat das Junge Theater in Göttingen mit E.T.A. Hoffmanns „Der goldne Topf“ bewiesen. In das fast 200 Jahre alte Märchen der Romantik wird ein Wettstreit zwischen virtueller und realer Welt getragen.

Göttingen – Erzählt wird die Geschichte des Studenten Anselmus, der sich hin- und hergerissen zwischen zwei Frauen – der bodenständigen Veronika und der aufreizenden Serpentina – für Vernunft und damit für Veronika entscheidet. In der Fassung von Maik Priebe wird das Thema ins Heute übertragen: Für Anselmus treten reale und virtuelle Welt in Konkurrenz. Aus schwarzen Quadern steigen vier graue Figuren. Mit Getöse beginnen sie, das Märchen zu erzählen. Vom Mit-Erzähler verwandelt sich Jens Tramsen in Anselmus – er streift sich Hemd und Hose als Overall über. Mit derart präparierter Kleidung schlüpfen auch die anderen in ihre Rollen.

Praktisch, treffend und fantasievoll sind die Kostüme von Felix von Nostitz. Mit Lichterketten – mal Licht an, mal aus – verwandeln sich die Schauspieler auf Knopfdruck. Indem sie die mannshohen Blackboxes drehen, verschieben, wenden, können sie ihren Raum verändern (Bühne und Regie: Grit Lukas).

Irritierend wirkt zunächst ein Apple-Notebook. Auch das Handy, das Anselmus aus der Brusttasche zieht, scheint anfangs in einem Märchen befremdlich. Doch weitere Zeichen aus der digitalen Welt wie zum Beispiel virtuelle Brillen lassen die Zuschauer bald rätseln: Hat Anselmus die aufreizende Frau beim Chat getroffen? Passend begleitet gegen Ende Lana del Reys Song „Videogames“ das Spiel, in dem sich die Schauspieler bestens bewähren.

Katharina Brehl (bewegliche Schlange), Agnes Giese (glänzt beim Dialog im Solo) und der Kasseler Schauspielschüler Vincent Brummer (überzeugende Präsenz) punkten mit Intensität in ihren unzähligen Rollen. Allein Jens Tramsen muss sich nur zwischen Erzähler und dem Protagonisten Anselmus aufteilen. Eindrücklich gelingt es ihm, dessen innere Zerrissenheit zu zeigen.

Mit vielen Ideen ist es Grit Lukas gelungen, aus der Corona-Not eine Tugend zu machen. Sie hat Bilder gefunden, die trotz Distanz Nähe zeigen. So spielen Katharina Brehl und Jens Tramsen eine innige Szene nicht zum Partner, sondern frontal ins Publikum: die Emotionen rücken näher. Am Schluss wird die große Leistung belohnt mit Applaus und Zustimmungsrufen.

Wieder am 17.10., 5. und 21.11. Karten unter 0551/45015. (Von Ute Lawrenz)

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