Werkschau in der Caricatura gibt umfassenden Einblick in das Schaffen des Zeichners Harm Bengen

Wie Gott die Erde geschaffen hat

Hier geht es zur Sache: Sandra Bodyshelly. Fotos:  Caricatura

Kassel. Gott ist langweilig, er nölt und nervt. „Ich weiß nicht, was ich schöpfen soll.“ Bis seine Mutter dem Jungen rät: „Mach doch ’ne Erde!“ Dann sei das Kind wenigstens eine Woche beschäftigt.

Karikaturen zu Religion und Kirche bilden einen Schwer- und Höhepunkt der großen Harm-Bengen-Ausstellung in der Caricatura im Kasseler Kulturbahnhof. Adam, der Eva anraunzt: „Du hast doch schon einen ganzen Schrank voller Feigenblätter.“ Der kleine Moses, der die Suppe auf seinem Teller teilt. Gott, der einen Anruf erhält: Was es koste, den Jakobsweg in Jack-Wolfskin-Weg umzubenennen? Glaubensthemen sind ein Terrain, auf dem sich Bengen gern tummelt und auf dem er sehr viel sehr Komisches produziert.

Aus allen Phasen seines Schaffens zeigt die Galerie für komische Kunst Ausschnitte - beginnend mit den 80ern, als Kohl - jedenfalls bei Bengen - für seine Regierungserklärungen aus Adenauers Tagebüchern abschrieb. Alle Helden, die der 55-Jährige erfand, haben ihren Platz - und zeigen, wie vielseitig er arbeitet.

Da ist Ulfert, sein ostfriesischer Landsmann und „Alltagsanarchist“, der die Zigarette nie aus dem Mund nimmt, es sei denn, der Zahnarzt klagt über Brandblasen, und der eine 1a-Werbefigur für „Lekker Kruiden“-Kräuterbitter abgibt. Da sind die blutigen Störtebeker-Metzeleien, bei deren Illustrationen er dicht an der Überlieferung bleibt. Geschmack-sache ist Bengens „Sandra Bodyshelly“ - der Comic über die lesbische, lebenslustige Vampirin, an der Grenze zur Pornografie, aus dem Magazin „Schwermetall“ persifliert das männliche Superhelden-Image. Bengens Cartoon-Kollege Til Mette nannte die acht Bände „die kultivierteste Tittenschau, die ich kenne“. Na ja.

Die Ausstellung zeigt auch, wie mühsam das Leben eines Cartoonisten sein kann. „Es ist unheimlich schwierig, als Comic-Zeichner seinen Lebensunterhalt zu verdienen“, sagt Bengen. Die Schau erzählt von pleite gegangenen Verlagen und verramschten Auflagen. Inzwischen lebt Bengen hauptsächlich von Karikaturen für Tageszeitungen.

Auch wie ein Comic entsteht, wird verdeutlicht: mittels Bleistiftskizze und Tusche, Folien, Montagen einzelner Elemente und der Schraffur am Computer. Am Ende stehen große Lacher, etwa wenn Bengen Zeitgeistphänomene aufspießt (die Seniorenresidenz Seeblick wird zur „80plus Chill Zone“). Sobald er sich sozial problematischen Milieus widmet, wird eine gehörige Portion Sarkasmus und Bitternis beigemischt: Kann man Zimmerpflanzen auch mit Pils bewässern? Kann die Nachbarin „etwas Buch“ leihen, weil Damenbesuch kommt? Und lässt sich nicht eine Hypothek aufs Kind aufnehmen, um das Auto zu bezahlen?

Bis 7. November, Do/Fr 14-20, Sa/So 12-20 Uhr. Führungen So, 15 Uhr, und n.V. Eintritt: 3 Euro. Infos: Tel. 0561/776499, www.caricatura.de

Von Mark-Christian von Busse

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