„Don Carlo“ an der Deutschen Oper Berlin

Grabesfrieden

Voll Düsternis: Roberto Scandiuzzi (Philipp II.) und Massimo Giordano (Don Carlo). Foto: Drama

Berlin. In dieser Spielzeit ist er der Chef: Donald Runnicles, Generalmusikdirektor an der Deutschen Oper Berlin. Bis im Herbst 2012 Dietmar Schwarz als neuer Intendant von Berlins größtem Opernhaus antritt, kann man nicht nur hören, sondern auch sehen, wie sich der Mann am Pult Programm und Bühne vorstellt. Dass jeder Abend sein möge wie eine Premiere, wünscht er sich, und große Stimmen in möglichst werkgetreuen Inszenierungen.

Alle wegweisenden Verdi-Analysen am Haus, die Hans Neuenfels dem Repertoire angedeihen ließ – so markante Inszenierungen wie „Nabucco“, „Die Macht des Schicksals“, „Rigoletto“ und „Troubadour“ – sind aus dem Spielplan verbannt. Dafür gibt’s den „Troubadour“ konzertant – was einfacher ist für reisende Sänger. Aktuell hatte Marco Arturo Marellis nach Paris und Tokio dritte Bearbeitung des „Don Carlo“ Premiere in Berlin.

Bewährtes muss nicht schlecht sein, wie die stark beklatschte Premiere zeigte, in der hohe Mauern hin- und hergeschoben wurden, um Kreuz und Kerker zu formen. Aber etwas risikofreudiger in szenischen Dingen darf es künftig schon werden. So ist das Arrangement des Bühnenbildners Marelli, das der Düsternis der Musik durch graue Einheitskulissen Rechnung trägt, zwar aufgegangen, einzelne Charaktere werden aber nicht tiefer ausgelotet.

Die Musik kommt störungsfrei in ihren melancholischen Schattierungen zum Tragen. Dies trotz Autodafé-Akt, in dem die gekreuzigten Ketzer dezent im Hintergrund über dem Bücher-Scheiterhaufen schmoren. Zwei Akte später schnürt es einem die Kehle zu, als die unbekannte Einspringerin Lucrezia Garcia, kurzfristig für Anja Harteros als Elisabeth dabei, in sphärische Höhen vordringt. Die Nichtigkeit des Irdischen beklagend, ersehnt sie den Frieden des Grabes.

Don Carlo, den Massimo Giordano anrührend gestaltet, ist von Anfang an verloren. Unter der Knute des Kreuzes ist kein Platz für eine bessere Welt. Mit den Highlights „O don fatale“ sowie „Sie hat mich nie geliebt“ punkten Anna Smirnovas Eboli und Roberto Scandiuzzi als König Philipp II. von Spanien. Den Marquis von Posa beglaubigt Boaz Daniel als Freigeist mit Freiheitsmission. Seine Erlösungs-Utopie hallt noch nach, wenn über religiösen Fanatismus und fatalen Machterhalt der Vorhang gefallen ist.

Wieder am 29.10 und 2. und 9.11. Karten: Tel. 030 / 34384343

Von Andrea Hilgenstock

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