Konzert-Kritik: Der Graf und Unheilig machen in Baunatal Schluss

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Handzeichen 1: Der Graf machte bei seinem Abschiedskonzert in Baunatal winke, winke.

Baunatal. Fast wäre sein Abschied vom Wind verweht worden: Doch trotz einer wetterbedingten Verspätung wurde der Graf mit seiner Band Unheilig in Baunatal noch einmal ausgiebig gefeiert.

Drei Stunden lang wurde der Graf am Samstag von seinem Smartphone angelogen. Als sich der Sänger der Band Unheilig in seinem Wohnort Aachen auf den Weg zum Open-Air-Konzert nach Baunatal machte, prophezeite ihm die Wetter-App strahlenden Sonnenschein. In Wirklichkeit regnete es im Parkstadion in Strömen.

Viele der 12.000 Fans empfingen ihr Idol durchnässt - und das auch noch eine Stunde verspätet. Wegen zwischenzeitlich heftiger Windböen hatte die Bühne mitten im Auftritt der Vorband Be One geräumt werden müssen. Die riesigen LED-Wände wogten hin und her wie eine Hollywood-Schaukel.

Am Ende des Abends sprach jedoch keiner mehr über das lange Warten und die Unterbrechung, zu der es keine Alternative gab, weil niemand die Sicherheit der Zuschauer gefährden wollte. Thema war nur noch das große Kino, das der Graf mit seiner dreiköpfigen Band zwei Stunden lang geboten hatte. Es war eines der letzten Konzerte des Glatzkopfs, über den man kaum etwas weiß, außer dass er in den vergangenen Jahren mehr Platten verkauft hat als jeder andere deutsche Musiker.

Multifunktionsmusik

Damit ist nun Schluss. Der Künstler will mehr Zeit für die Familie „und nur noch ein ganz normales Leben haben“, wie er in Baunatal sagt. Man könnte sich nun lustig machen über den Grafen und seine Abschiedstour, die bereits eine gefühlte Ewigkeit dauert. Man könnte den Kopf schütteln über seine Poesiealben-Lyrik („Das ist unser Moment und unsere Zeit / Glück auf das Leben für die Ewigkeit“), seine Versuche zu tanzen, obwohl er es nicht kann, und natürlich über die Musik, die klingt, als seien Helene Fischer und Rammstein in ein ganz großes Pathos-Bad gefallen.

Man könnte aber auch einfach anerkennen, dass der Schlager-Gothic-Pop von Unheilig ganz vielen Menschen sehr viel bedeutet. Am Merchandising-Stand im Stadion gibt es alles außer Wetter-Apps, auch ein Multifunktionstuch, das gegen die Kälte schützt. Das passt zur Band, weil sie Multifunktionsmusik macht, die in allen Lebenslagen hilft.

Der Graf: Unheilig im Parkstadion Baunatal

Nicht nur bei „Geboren um zu leben“, das zwischenzeitlich die Charts der beliebtesten Begräbnis-Songs anführte, und Hildegard Knefs „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ singen die Fans im Chor mit. In einer der wenigen persönlichen Ansagen erzählt der Graf, wie ihm die Musik einst half, gegen das Stottern anzukämpfen.

Seine Fans werden ihn vermissen. Eine Frau hat sich sogar seinen typischen Dreiecksbart ins Gesicht gemalt. Immerhin hat er zwischen den Zugaben eine tröstende Neuigkeit zu vermelden: Nach dem allerletzten Konzert am 10. September wird noch ein allerallerletztes Album erscheinen („Von Mensch zu Mensch“). Dann soll wirklich Schluss sein. Wir hoffen nicht, dass der Graf uns angelogen hat.

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- Unheilig in Baunatal: 12.000 Fans feierten den Grafen

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