Ingo Berk inszeniert das Stück

Grandios: „Das Ende des Regens“ am Göttinger Deutschen Theater

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Geniales Bühnenbild: Benedikt Kauff (von links), Rahel Weiss und Gaby Dey geraten auf die schiefe Bahn.

Göttingen. Eine komplexe Familiengeschichte als Bühnenereignis: Ingo Berk inszeniert das Stück "Das Ende des Regens" am Deutschen Theater Göttingen spannend wie ein Krimi.

Familiengeschichten können ganz schön verwirrend sein. Dieser Eindruck überwiegt zumindest bis zur Pause des Stückes „Am Ende des Regens“ von Andrew Bovell, das jetzt am Deutschen Theater Göttingen seine grandiose und mit viel Applaus bedachte Premiere hatte.

Donnergrollen und strömender Regen bilden den Auftakt des Stückes und ziehen sich sintflutartig durch das 80 Jahre umfassende Geschehen auf der Bühne, Anklänge an die Bibel drängen sich auf. Fragen nach Schuld und Sühne, Gut und Böse, Schweigen und Sprechen, nach Liebe bilden das Zentrum des Stückes. Und erst als das Schweigen gebrochen wird, die Verwirrung sich in Verstehen verwandelt, hört auch der Regen auf. Die Rettung der Menschheit?

Ganz so hoch muss man die Moral des Stückes nicht ansetzen. Doch es ist eine Geschichte über wiederkehrende Mythen in Familien, die durch hartnäckiges Schweigen am Leben gehalten werden. Warum verschwand Gabriel Laws Vater Henry, als der Sohn noch klein war, nach Australien? Dem Sohn bleiben nur bruchstückhafte Erinnerungen, ein paar Postkarten, ein Zeitungsausschnitt. Da die Mutter Elisabeth schweigt, macht sich Gabriel auf ans andere Ende der Welt, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Dort begegnet er Gabrielle, die ihrerseits ein schweres Familienschicksal mit sich trägt. Beide ahnen nicht, auf welch fatale Weise ihre Familien miteinander verwoben sind. Spannend wie einen Krimi bauen Ingo Berk (Regie) und Sonja Bachmann (Dramaturgie) das Geschehen auf. Denn nichts Geringeres als Missbrauch und Mord stehen im Raum und bilden schließlich das schreckliche Bindeglied.

Das sehr minimalistisch gehaltene Bühnenbild von Damian Hitz - eine schräg gestellte runde Bahn und ein Tisch mit Stühlen in der Mitte - erlaubt genial ein Raum und Zeit auflösendes und umfassendes Agieren der neun Darsteller. Der dadurch entstehende ständige Wechsel oder eben die Gleichzeitigkeit der Handlungsebenen macht es dem Zuschauer nicht gerade leicht zu folgen. Immerhin umfasst die Familientragödie vier Generationen.

Nach der Pause setzt sich Puzzleteil um Puzzleteil wie wundersam zusammen, die Zusammenhänge und Tragödien beider Familien werden sichtbar. Denn nun beginnen die Paare endlich zu sprechen, über ihre Träume, ihre Lebenslügen und die Liebe zueinander. Nach vier Generationen kann Gabriels Sohn, der seine Familie ebenfalls verließ, zu seinem Sohn Andrew endlich sagen: „Hör mal ... es hat aufgehört zu regnen.“

Ein großes Lob an alle Schauspieler, die ihre Rollen in allen Facetten sehr überzeugend und empathisch darstellten: Benedikt Kauff (Gabriel Law), Rahel Weiss (jüngere Gabrielle York), Gaby Dey (ältere Gabrielle), Rebecca Klingenberg (jüngere Elisabeth Law), Angelika Fornell (ältere Elisabeth), Gerd Zinck (Henry Law), Florian Eppinger (Gabriel York), Paul Wenning (Joe Ryan) und Benjamin Kempf (Andrew Price). Musik: Patrik Zeller.

Von Carmen Barann

Weitere Aufführungen: 13. und 19. Mai, 3., 17. und 29. Juni. Karten: 0551/496911.

www.dt-goettingen.de

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