Grandioser Geschichtenerzähler: Hugh Masekela im Kulturzelt

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73 Jahre und immer noch vitaler als so mancher 18-Jährige: Hugh Masekela im Kulturzelt.

Als Baby setzte man ihn in Wien auf der Donau aus. Er trieb durch den Suezkanal bis an die südafrikanische Küste und wurde dort von einem Fischerehepaar großgezogen.

Man gab ihm den Namen Gustav Mendelsohn, und er avancierte zu einem berühmten Musiker - Vorhang auf für den grandiosen Geschichtenerzähler, Trompeter und Sänger Hugh Masekela.

Im gut gefüllten Kasseler Kulturzelt begeisterte der vitale 73-Jährige aus Johannesburg natürlich nicht nur mit biografischem Seemannsgarn. Wenn auch die erfundenen Geschichten über seine fünf Bühnenkollegen nicht minder hanebüchen daherkamen wie seine eigene. Wahr ist, dass Masekela in Südafrika zur Welt kam, mit vielen Größen des Pop und Jazz wie Paul Simon die Bühne teilte und 1964 Miriam Makeba heiratete.

Das Konzert war geprägt von instrumentaler Präzisionsarbeit, tanzbarer Raffinesse und guter Laune aller Anwesenden. Masekela hatte es aber auch nicht schwer, das Publikum zu interaktiven Höchstleistungen zu bewegen. Der moralisch geprägte Mitteleuropäer schätzt den afrikanischen Gegenentwurf zur Konsumdiktatur sehr.

Urlaute, Schreie, Tanzbewegungen - wer als Passant am Zelt vorbeischlenderte, musste den Eindruck bekommen, hier sind okkulte Kräfte am Wirken. Manchmal schien es, als müsse Masekela der Realität die Clownsnase überstülpen, um sie ertragen zu können.

So auch bei seiner erklärenden Einleitung zu der Socca-Hochzeitshymne „Makoti“. Angeblich muss das umworbene Mädchen bei Ankunft des potenziellen Bräutigams auf dem elterlichen Grundstück auf einen Baum klettern. Nur das reichhaltige Geschenkangebot von Kühen, Schafen und Hühnern würde sie dann überzeugen, diesen wieder zu verlassen. Ob dies so stimmt oder Masekela konservative Rituale nur humorvoll überzeichnen wollte, blieb an diesem Abend sein Geheimnis.

Das brillante Ensemblespiel und die solistische Qualität der Musiker waren dagegen über alle Zweifel erhaben. Deutliche Ambitionen in Richtung Jazz verhinderten nicht die Begeisterung für das schlichte Vergnügen. Und wenn versierte Könner Tradition und Moderne gleichberechtigt präsentieren, ist die emotionale Ausbeute für den Zuhörer immer sehr ergiebig.

„Khawuleza“ (Warnruf kleiner Kinder zu Zeiten der Apartheid, wenn die Polizei nahte) betörte mit karibischer Sommerfrische, und bei „African Woman“ gab sich Masekela so zweideutig sexy, dass auch den Männern im Publikum heiß wurde. Gut so, denn die kühlen Temperaturen im Zelt waren nur mit energetischer Wärme zu ertragen. Auch den Männern an den Soundreglern galt an diesem Abend der große Applaus für ein unvergessliches Konzert.

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