Von Dave Eggers

Die Tyrannei der Guten: Grandioser Internet-Roman „Der Circle“

Als Dave Eggers seinen Science-Fiction-Roman „Der Circle“ fertig geschrieben hatte, stellte er fest, dass ihn die Zukunft längst eingeholt hat. In seinem am Donnerstag erscheinenden Buch erzählt der US-Autor von einem allmächtigen Internet-Konzern, gegen den die Multis von heute selbstlose Wohltäter sind.

Der Circle, so der Name der Firma, vereint die Geschäftsfelder von Google, Facebook, Amazon und Paypal. Er ist Suchmaschine, soziales Netzwerk und Hardware-Hersteller. Der eigene Account, der für das gesamte Netz gilt, ist gleichzeitig Zahlungsmittel. Anonymität gibt es nicht mehr - und damit auch keine Hass-Kommentare. Die Circle-Mitglieder überwachen die Welt mit Mikrokameras, um sie sicherer zu machen. Ihre Forscher pflanzen Kindern Chips ein, damit keines mehr entführt wird. Und Armbänder werten rund um die Uhr Körperdaten aus, damit alle gesund bleiben.

Es ist eine schöne, neue Welt, die Eggers für seinen brillanten Roman entworfen hat. Doch bald bemerkte der 44-Jährige, „dass ein guter Teil der Produkte, von denen ich dachte, ich hätte sie mir ausgedacht, längst existiert.“ Die US-Firma Dropcom etwa bietet bereits ein Überwachungssystem mit Mikrokameras an.

Der Autor: Dave Eggers 

Geboren: 12. März 1970, Boston

Ausbildung: Journalismusstudium

Literarischer Durchbruch: Gelang ihm mit seinem autobiografischen Debütroman „Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität“ (2000), in dem Eggers erzählt, wie er als 22-Jähriger beide Eltern durch den Krebs verlor und er sich um seinen kleinen Bruder kümmerte.

Karriere: Eggers gilt als Meister des Reportageromans. In „Weit gegangen“ (2007) porträtierte er einen sudanesischen Flüchtling. „Zeitoun“ (2009) erzählt von einem Handwerker, der während der Flutkatastrophe von New Orleans verhaftet wird, weil er für einen Terroristen gehalten wird. Für die Verfilmung des Buchs „Wo die wilden Kerle wohnen“ (2009) schrieb er das Drehbuch.

Sonstiges: Eggers gibt die Literaturzeitschrift „McSweeney’s“ heraus, betreibt einen Verlag und Hilfsprojekte wie ein Zentrum für Jugendliche. Manche nennen ihn den „Bono der Literatur“.

Privates: Lebt mit seiner Frau, der Autorin Vendela Vida, und zwei Kindern in San Francisco.

Trotzdem ist „Der Circle“ vielleicht der wichtigste Roman des Jahres. Er lässt uns die digitale Welt, in der wir uns täglich bewegen, mit anderen Augen sehen. Eggers böse Satire, die an George Orwells „1984“ und an Morton Rhues „Die Welle“ erinnert, fragt, wie hoch der Preis für eine bessere Welt ist, die womöglich in eine totalitäre Tyrannei mündet. Und der Leser rätselt, wie weit wir davon noch entfernt sind.

Eggers ist Experte für Reportageromane, die die Gegenwart spiegeln. Er lebt in San Francisco unweit des Silicon Valley, wo junge Leute den Himmel auf Erden wähnen, wenn sie etwa ihre Jobs bei Apple antreten. Wie die Romanheldin Mae, die beim Circle anfängt und begeistert ist vom Firmengelände, wo es veganes Essen und Yoga für alle gibt und auf dem Popstars für die Mitarbeiter auftreten.

Für ihren MS-kranken Vater, der die Arztrechnungen nicht bezahlen kann, übernimmt der Circle die Krankenversicherung. Im Gegenzug muss die naive Mae rund um die Uhr posten und ihr Leben mit einer Kamera öffentlich machen. Die Prinzipien lauten: „Geheimnisse sind Lügen, Teilen ist Heilen, alles Private ist Diebstahl.“

Kritiker der Ersatzreligion werden mundtot gemacht, denn nur der Böse, so denkt Mae, könnte das Gute verhindern wollen. Eggers erzählt das ebenso lakonisch wie fesselnd. Seine Protagonisten wirken wie Marionetten. Der Star ist die Firma mit ihrem Mantra der totalen Transparenz. „Alles, was passiert, wird bekannt sein“, sagt Maes Freundin.

Was jetzt in der Wirklichkeit passieren muss, weiß auch Eggers nicht. Er wundert sich, dass sich kaum jemand wirklich wehrt gegen Google und Co. In einem Interview forderte er eine neue Erklärung der Menschenrechte. Sein Roman gibt keine Antworten, aber er stellt die richtigen Fragen.

Von Matthias Lohr 

Dave Eggers: Der Circle. Kiepenheuer & Witsch, 558 Seiten, 22,99 Euro.

Wertung: fünf von fünf Sternen

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