Weil Reichtum ekelt

Grandioses Theater: Georg Kaisers Trilogie "Gas" am DT in Göttingen

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Arbeiterprotest im Chor nach einer Fabrikexplosion: Szene aus „Gas I“, dem mittleren Teil der Trilogie von Georg Kaiser.

Göttingen. Dieser Milliardär möchte Gutmensch sein. Begleitet von metallischen Klavierklängen, Trommelwirbel und gleißend weißem Licht verteilt der „Milliardär“ vor rauchenden Schornsteinen am „Offenen Donnerstag“ großspurig Schecks an die Armen.

Das Stück „Die Koralle“, Auftakt der von 1916 bis 1918 verfassten Trilogie „Gas“ von Georg Kaiser, die am Samstag am Deutschen Theater in der großartigen Inszenierung von Maik Priebe Premiere hatte, zeigt, wie wenig der namenlose „Milliardär“ seinen Reichtum verkraftet. „Sie müssen schenken, weil der Reichtum sie ekelt“, sagt „Der Herr in Grau“ (Ronny Thalmeyer) zu ihm.

Der Sohn des Fabrikanten, von Gabriel von Berlepsch fanatisch und rebellisch dargestellt, will als Heizer auf einem Schiff „zu den Menschen“ und wird vom Vater mit platten Sprüchen, wie „rechtfertige dich vor dir selbst“ bedacht. Die Tochter will nach einem Unfall in den Schächten der väterlichen Fabrik Verletzte pflegen.

Den Emporkömmling, dessen Mutter sich umbrachte, als der Vater seine Arbeit verlor, verkörpert Paul Wenning. Als patriarchalischer Fabrikbesitzer trägt er symbolisch eine blütenweiße Weste. Der Sekretär, untertänig von Benjamin Kempf gespielt, ist ihm zum Verwechseln ähnlich und hat zur Unterscheidung eine Koralle in der Jackentasche. Als der Untergebene von seiner glücklichen Kindheit erzählt, holt den Unternehmer seine traumatische Vergangenheit ein. Er erschießt den Sekretär. Um sich selbst zu entkommen, meint er, in die Hülle des anderen schlüpfen zu können.

Der in Vergessenheit geratene, expressionistische Schriftsteller Georg Kaiser (1878-1945), dessen Bühnenstücke im Dritten Reich verboten waren, thematisiert mit „Gas“ das damals noch junge Industriezeitalter. Als zweiter Teil führt „Gas I“ in die nächste Generation. „Unser Gas speist die Technik der Welt“, sagt der Milliardärsohn mit Gelfrisur, den Nikolaus Kühn glatt wie einen Investmentbanker darstellt. Doch dann gibt es eine verheerende Explosion mit Ascheregen. Sirenen heulen, viele Arbeiter sterben. Die Übrigen beklagen die Toten und packen die Trümmer in einen riesigen Hängekorb aus Metall. Bühnenbild und Kostüme schimmern in den matten Farben der Verwesung.

In „Gas II“ agieren die Schauspieler ohne Worte, grausig grinsen ihre Masken, wie in einem Albtraum. Die Inszenierung dieser kantigen Trilogie hat Leichtigkeit und Eleganz, ein Horrorszenario mit Parallelen zur Jetztzeit. Das Bühnenbild und die Kostüme von Susanne Maier-Staufen sind grandios, ebenso die von Martin Engelbach komponierte Musik. Zunächst verhaltener Applaus. Sieben Vorhänge.

Wieder am 19. und 24.6, Karten: Tel. 0551 / 49 69 11.

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