Anna Netrebko und Daniel Barenboim horchen tief in die russische Seele hinein

Wie Gras auf dem Feld

Liederabend zweier Megastars: Der Pianist Daniel Barenboim und die Sopranistin Anna Netrebko. Fotos: Hoffmann / Broede / nh

Wohltuend Unglamouröses aus der Hochburg des Klassik-Glamours ist auf diesem Album zu vernehmen: Im August 2009 gaben die Megastars Anna Netrebko und Daniel Barenboim einen umjubelten Liederabend bei den Salzburger Festspielen, ein Ereignis, das man wegen seiner Intimität kaum ein Event nennen mochte.

„In the Still of Night“ heißt der nun vorliegende Mitschnitt, es ist ein fast unpassend englischer Titel für eine CD, die tief in die sprichwörtliche russische Seele hineinhorchen lässt. Zwanzig Romanzen von Rimsky-Korsakow und Tschaikowsky sind darauf versammelt, bei uns wenig bekannte Miniaturen, meistens im mäßigen bis langsamen Tempo, oft in Moll.

Tschaikowskys „Ya li v pole da ne travuka bïla“ (Ich war doch wie das Gras auf dem Feld) ist mit sechs Minuten das längste Stück: die ergreifende Klage einer jungen Frau, die an einen alten Griesgram verheiratet wurde.

Die Muttersprachlerin Netrebko nimmt mit samtigem Sopran und großer Natürlichkeit des Ausdrucks gefangen. Manchmal würzt sie die schlichte Innigkeit mit einem opernhaft kräftigen Spitzenton und einem gleitenden Portamento, manchmal hört man auf der sehr authentisch anmutenden Aufnahme auch den Atem der Sängerin.

Dezent wie unverwechselbar ist das Klavierspiel von Daniel Barenboim, der nie wie ein übertrainierter Tastensportler klingt und mit seinem freien Timing die erzromantische Grundlage für Netrebkos Gesangsbögen bietet. In den Zugaben erklingen Lieder von Dvoák („Als die alte Mutter“ auf tschechisch) und Richard Strauss („Cäcilie“).

In the Still of Night - Anna Netrebko (Sopran), Daniel Barenboim (Klavier). CD, Deutsche Grammophon. Wertung: !!!!:

Von Georg Pepl

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