Die Bundesregierung hat den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses verschoben - und auch begraben?

Bis Gras über die Sache gewachsen ist

Steht auf der Kippe: Das Berliner Stadtschloss, das als Computergrafik die Aussichtsplattform für die geplante Humboldt-Box ziert. In dem Informationszentrum soll der neue Bau präsentiert werden - allein das kostet bis zu sechs Millionen Euro. Foto: dpa

Berlin muss weiter auf sein Stadtschloss warten. Bei ihrer Sparklausur einigte sich die Bundesregierung darauf, den Baubeginn zu verschieben. Wir beantworten die wichtigsten Fragen um den umstrittenen Neubau mit historisierender Fassade.

?Ursprünglich sollte mit dem Bau 2011 begonnen werden. Wann geht es nun los?

!Das weiß offensichtlich keiner. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte am Montag, der Baubeginn werde um drei Jahre auf 2014 verschoben. Einen Tag später verkündete Bundesbauminister Peter Ramsauer, dass „das letzte Wort noch nicht gesprochen“ sei. Der CSU-Politiker will mit dem Wiederaufbau der Hohenzollern-Residenz nun doch 2013 anfangen: „Zur Not müssen wir Bayern die letzten Preußen sein. Ulbricht darf nicht das letzte Wort in Berlin an dieser Stelle haben.“ Unter dem SED-Chef Walter Ulbricht war das im Zweiten Weltkrieg stark zerstörte Schloss 1950 gesprengt worden. Seit 1976 stand neben dem Berliner Dom der Palast der Republik, in dem die Volkskammer tagte und der 1990 wegen Asbestverseuchung geschlossen und später abgerissen wurde.

?Kann so wirklich gespart werden?

!Kritiker bezweifeln das. Das Ausstellungs- und Veranstaltungszentrum Humboldt-Forum soll im Schloss die Sammlung der Humboldt-Uni, die Landesbibliothek und die außereuropäischen Museen beherbergen. Letztere sind noch in einem maroden Komplex in Dahlem zu Hause, der für 150 Millionen Euro saniert werden müsste. Das neue Stadtschloss soll 552 Millionen Euro kosten, von denen der Bund 440 Millionen und die Stadt 32 Millionen finanzieren. Ein privater Förderverein will zudem 80 Millionen durch Spenden beschaffen - vor zwei Monaten waren aber erst 12,8 Millionen zusammengekommen. Da dem Bund durch den vorläufigen Stopp zudem Schadensersatzforderungen von Ingenieuren und Handwerkern drohen, sagte der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger: „Ob man bei alldem von Sparen sprechen kann, weiß ich nicht.“

?Könnte die Entscheidung auch das endgültige Aus für das Stadtschloss bedeuten?

!Das befürchten einige Kritiker. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) sagte, dass das „größte und spannendste Kulturprojekt in der Geschichte der Bundesrepublik zugunsten weniger wichtiger Baubereiche, einiger Autobahnkilometer geopfert“ werde. Spannend war das Projekt schon deshalb, weil jahrelang darüber gestritten wurde. Sogar dann noch, als der italienische Architekt Franco Stella 2008 den Wettbewerb um den Wiederaufbau gewonnen hatte. Kritikern leuchtete die Mischnutzung des Humboldt-Forums mit Museum, Bibliothek und kulturellem Veranstaltungsort nicht ein. Die barocke Hülle empfanden einige Beobachter als „viergeschossige Monsterarkaden“.

?Was sagen eigentlich die Berliner dazu?

!In einer aktuellen Forsa-Umfrage sprachen sich 80 Prozent gegen den Wiederaufbau aus. Derzeit nutzen sie den 18 000 Quadratmeter großen Platz, auf dem Rollrasen ausgebreitet wurde, zum Sonnen und Fußballspielen. Einige sagen, dabei solle man es belassen, bis Gras über den Schlossstreit gewachsen ist.

Von Matthias Lohr

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