Stephan Müller inszeniert und Jörg Halubek dirigiert in Kassel Alessandro Scarlattis Oper „Griselda“

So grausam kann die Liebe sein - Scarlattis Oper „Griselda“

Kassel. Trommelwirbel. Furchterregende Muskelmänner stürmen den Zuschauerraum und die Bühne. Manifeste werden verlesen - ein Aufruhr. Dann setzt die Ouvertüre ein, das Orchester wird aus dem Graben hochgefahren.

Man ahnt im Kasseler Opernhaus, bei Stephan Müllers Inszenierung von Alessandro Scarlattis Oper „Griselda“ stehen die Dinge auf Messers Schneide.

Es ist ein grausames Spiel, das König Gualtiero mit Griselda treibt: Ottone, sein intriganter Bruder, hat das Volk gegen die Königin wegen ihrer niederen Herkunft als Schäferin aufgewiegelt - in Wahrheit, um Griselda selbst zu besitzen. Gualtiero aber verstößt Griselda, demütigt sie, lässt zum Schein ihr Kind töten und gibt vor, die junge Costanza zu heiraten - die aber liebt einen anderen, Roberto.

Kann man die übermenschliche Selbstverleugnung Griseldas begreifen, die unbeirrt an ihrer Liebe zu Gualtiero festhält? Kann man Gualtiero begreifen, der den Grausamen nur spielt, um das Volk von der Tugend Griseldas zu überzeugen und sie am Ende liebevoll in die Arme zu schließen?

Zu viel, möchte man sagen. Barockoper eben. Doch Stephan Müller und sein Team, Bühnenbildnerin Hyun Chu, Kostümbildnerin Carla Caminati und Bewegungscoach Michael Langeneckert, nehmen die 1721 uraufgeführte und erst vor wenigen Jahren wiederentdeckte Oper ernst. Sie schaffen eine Versuchsanordnung menschlicher Extremsituationen - grundiert von latenter Gewaltbereitschaft, die ein Bewegungschor aus Kampfsportlern als königliche Garde eindrucksvoll verkörpert.

Gespielt wird vor einer Wand aus Drehtüren und auf der Passerelle vor dem Orchestergraben. Man rückt dem Publikum auf die Pelle - und schafft auch wieder Distanz: Die Schäferhütte der verstoßenen Griselda wird in eine Kammer in einer Holzwand verlegt.

Alles folgt einer strengen Ästhetik. Bewegung und Gestik sind präzise choreografiert und enthüllen die Charaktere: den strengen, aber leidenden Gualtiero, die in ihren Gefühlen unerschütterliche Griselda, die überschäumende Costanza, den eifersüchtigen Roberto, den finsteren, aber schwachen Ottone und den loyalen, aber innerlich zerrissenen Corrado.

Um dieses Konzept umzusetzen, bedarf es eines exzellenten Ensembles. Dreh- und Angelpunkt ist Igor Durlovski, von Hause aus Bass, der den Gualtiero mit würdevoller Haltung und herrlich tragender Altstimme ausstattet. Sein im Bass ge-sungenes Machtwort macht am Ende einen starken Effekt.

Nina Bernsteiner verleiht der Griselda mit warmen Farben ein reiches Gefühlsspektrum, während LinLin Fan Costanzas Überschwang mit jugendlicher Virtuosität zeichnet. Ulrike Schneiders Roberto ist von markanter Klarheit, und Jürgen Appel offenbart den verschlagenen Charakter Ottones mit intensiver Körpersprache und souveränem Bass. Gideon Poppe verbindet als Corrado melodiöse Stimmführung mit dem Gestus der Dringlichkeit.

Wirkt bei romantischen Opern die Musik oft wie ein Soundtrack zur Handlung, so ist es hier eine Wechselwirkung: Das Sehen vermittelt die Drastik der Handlung, das Hören öffnet den Blick für die seelischen Abgründe der Figuren.

Ein Glücksfall ist der Gastdirigent Jörg Halubek, ein Spezialist für alte Musik, der mit dem Staatsorchester ein Maximum an Expressivität erreicht hat. So plastisch und ausdrucksstark hat hier lange keine Barockoper geklungen. Halubek macht insbesondere deutlich, dass bei der Barockoper nicht allein die Arien zählen. Gerade die handlungstreibenden Rezitative werden besonders fantasievoll musiziert.

Anhaltender Jubel und viele Bravos für alle Beteiligten.

Wieder am 21. und 29.2 sowie am 3. und 9.3. Karten unter Tel. 0561 / 1094-222.

Von Werner Fritsch

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