„Take Me To The Alley"

Neues Album: Gregory Porter und die Unvernunft der Liebe

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Steht für weite Klangräume: Jazzsänger Gregory Porter. 

Der große Jazzsänger zeigt sich von seiner besten Seite auf dem neuen Album „Take Me To The Alley".

Wie schwer wiegt „das Gewicht der Liebe auf meinen Schultern“, wie verzwickt ist es, Klarheit ins Herz zu bekommen, wenn man zwischen abgekühlter Liebe und der Hitze eines Dennoch-Kusses taumelt? Im Eröffnungsstück „Holding On“ auf seinem neuen Album „Take Me To The Alley“ singt Gregory Porter über diesen Gefühlsaufruhr - und seine Stimme lässt gerade im Refrain viel von einer inneren Anspannung spüren, von einem Gegenhalten gegen den Strom der Empfindungen. Die fallende Klaviermelodie, die gegen die aufsteigende Gesangslinie gesetzt ist, drückt auch musikalisch das emotionale Hin und Her aus.

Ein erster Höhepunkt auf seiner großartigen neuen Platte, die erwartet wurde wie wohl kein anderes Jazzalbum in diesem Jahr.

Gregory Porter. Der Große. Der nach Anfängen als Gospelsänger in der kalifornischen Kirche, wo seine Mutter Pastorin war, nach Jahren des Tingelns in Jazzclubs und ersten Alben mit seiner CD „Liquid Spirit“ 2013 plötzlich weltweit bekannt wurde. Das Album verkaufte sich über eine Million Mal und wurde 20 Millionen mal gestreamt - das gab es im Jazz noch nie. Nun ist der 44-jährige Sänger mit der charakteristischen Schal-und-Mützen-Kopfbedeckung endlich mit zwölf neuen Songs zurück.

Fast durchgehend hält die CD die gewohnte hohe Produktions- und Kompositionsqualität, jeder Titel ist von großem Nuancenreichtum. Die Begleitmusiker Chip Crawford (Piano), Keyon Harrold (Trompete), Yosuke Sato und Tivon Pennicott (Saxofone), Aaron James (Bass) und Emanuel Harrold (Schlagzeug) gehen Porters Weg mit, der sich nicht dem puren Jazz verschrieben hat, sondern auch mit Pop, Soul und Gospel arbeitet. Ganz neue Soundwelten erschließt das Ensemble hier allerdings nicht, stilistisch bleibt man auf der Spur des Vorgängeralbums.

Flott kommen die beiden Titel daher, die Porter seinem dreijährigen Sohn Demyan gewidmet hat, „Don’t Lose Your Steam“ und das von Schlagzeugkapriolen geprägte „Day Dream“, wo Porter seine Stimme fast zärtlich justiert, um dem Kleinen mitzugeben, dass es darum geht, im Leben seinen Weg zu finden.

In der Tradition seiner großen, herzöffnenden Balladen wie „Hey, Laura“ und „No Love Dying“ steht „Consequence Of Love“, wo Gregory Porter von der Unvernunft der Liebe erzählt. Das schmelzende Stimmtimbre zum satten Klaviersound bezaubert.

Echte Gospelanmutung gibt es in „Don’t Be A Fool“, politisch engagiert wird es etwa in „Fan The Flames“ und voller christlicher Motivanleihen steckt schließlich das Titelstück „Take Me To The Alley“, das anlässlich des Papstbesuchs in New York entstanden ist. Es regt dazu an, statt Würdenträgern einen großen Empfang zu bereiten, lieber den Mühselig-Beladenen praktisch zur Seite zu stehen. Das mantraartige Klaviermotiv bleibt lang im Kopf.

Gregory Porter: Take Me To The Alley (Blue Note/Universal), Wertung: !!!!!

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