Griechen im Weltall: Die Oper "Antigona" wird am Staatstheater Kassel zu Science-Fiction

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Elizabeth Bailey (Antigona) und Maren Engelhardt (Ismene).

Kassel. Das antike Theben ist für uns weit weg. Besonders weit weg ist es, wenn wir uns im Kasseler Staatstheater die Oper „Antigona“ von Tommaso Traetta (1727-1779) ansehen und -hören.

Denn Regisseur Stephan Müller hat das Geschehen um die Kinder des Ödipus in ein Science-Fiction-Drama verwandelt, das in fernen Welten spielt. In sich verjüngender Laufschrift – Achtung: „Star Wars“! – werden die Zuschauer über die Ereignisse informiert. 

Die beiden Söhne des Ödipus, Eteokles und Polyneikes, haben sich im Kampf um die Macht gegenseitig getötet, es bleiben übrig der (böse) Onkel Creonte und die beiden Ödipus-Töchter Antigona und Ismene. Creonte stilisiert sich zum Tyrannen und verweigert Polyneikes das Begräbnis. Antigona will ihren Bruder beerdigen und dafür notfalls sterben. Göttergesetz gegen Menschengesetz, Moral gegen Gehorsam.

Ehe das sophokleische Drama aber seine Sprengkraft entfaltet, wird man als Zuschauer überwältigt von der faszinierenden Bilderwelt dieser Inszenierung: Wenn etwa Creonte und sein Adlatus Adrasto in ihren spacigen Kostümen mit Hoverboards akrobatisch auf die Bühne rollen. Wenn sich Antigona und Ismene, ebenfalls Wesen wie aus „Star Wars“, in einer vom japanischen Kabuki-Theater inspirierten, kunstvoll stilisierten Gestensprache austauschen, und wenn Filmeinspielungen die Betrachter in die Weiten des Alls entführen.

Was Regisseur Müller zusammen mit der documenta-Künstlerin Goshka Macuga, die die visuelle Konzeption entwickelt hat, sowie dem Kostümbildner Gareth Pugh und der Choreografin Deborah Smith-Wicke geschaffen hat, ist dabei weit mehr als eine oberflächliche Science-Fiction-Anleihe. Die Verlagerung des antiken Stoffes in die Zukunft enthält nämlich eine pessimistische Botschaft: Auch wenn sich die Menschheit, dem Appell des Physikers Stephen Hawking folgend, Kolonien außerhalb der Erde schaffen würde – an der Verfasstheit der menschlichen Natur würde es nichts ändern.

Stimmig ist die Inszenierung aber auch, weil die stilisierte, berührungslose Körpersprache der Figuren mit der Künstlichkeit der 1772 in St. Petersburg uraufgeführten Oper des Italieners Traetta harmoniert.

Die heftig bejubelte Kasseler Inszenierung ist dabei eine gelungene doppelte Rettungstat für ein Stück, das in seiner zwischen Barock und Vorklassik angesiedelten Stilistik zwar mit einer gewissen instrumentalen Farbigkeit, rhythmischem Puls und einigen überraschenden Harmoniewechseln aufwartet, ansonsten aber über weite Strecken von formelhaften musikalischen Mustern lebt.

Retter neben dem Regieteam ist der Dirigent Jörg Halubek. Er spitzt die Musik durch sehr rasche Tempi zu und setzt durch fantasievollen Umgang mit der Partitur Akzente: Beispielsweise wenn die Rezitative des Creonte allein vom Cello (Manfred Schumann) akkordisch begleitet werden.

Bassem Alkhouri gibt dem Creonte mit geschmeidigem und tragendem Tenor ein starkes Profil, prägnant auch Musa Nkuna als Adrasto. Die Partie der Antigona gestaltet Elizabeth Bailey mit hellem, sehr fein timbriertem Sopran, was die Figur etwas zurückhaltend erscheinen lässt. Machtvoller treten Maren Engelhardt als Ismene und Marta Herman als Antigonas Geliebter Emone in Erscheinung. Eine wichtige kommentierende Rolle nimmt der sehr präsente Opernchor ein, während das agile Staatsorchester gekonnt seine Erfahrung mit alter Musik ausspielt.

Den versöhnlichen Barockopernschluss verweigert die Regie: Ein omnipräsentes wolkenartiges Konstrukt erdrückt am Ende die Menschheit, die sich mit der drohenden Gefahr nicht auseinandergesetzt hatte. Das allerdings scheint uns nah. Wieder am 10., 15. und 18.6., Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

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