Grimm-Professur: Bei Sibylle Lewitscharoff ist Schwindeln erlaubt

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Ein Moment des Innehaltens in anstrengenden Tagen als Grimm-Professorin: Sibylle Lewitscharoff vor der Kunsthochschule.

Kassel. Dem Hörsaal der Kasseler Kunsthochschule verdankt die frischgebackeneBüchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff eine „der größten Schreckenserfahrungen meines Lebens“.

Mit Anfang 20 hielt sie, als letzte direkt nach einem ausufernden Beitrag des Kunsttheoretikers Bazon Brock, mit „mädchenhafter Piepsstimme“ einen Vortrag über Kannibalismus - als alle lieber ans Büfett stürmen wollten und nun „vor Peinlichkeit verstummten“.

documenta-Künstler Ecke Bonk, vor fast 40 Jahren einer der Initiatoren dieser „wilden Akademie“, saß Dienstagabend als Gast im Hörsaal, in den die 59-Jährige als Kasseler Grimm-Professorin zurückkehrte. Antrittsvorlesung, Pressekonferenz, Seminar und die Lesung heute absolviert sie, das Interesse ist riesig. Nach ihrem Gewinn des Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt sei jedoch der „größere Sturm“ losgebrochen, der Büchnerpreis sei nun die „einfachere Übung“. Auch in einen „Höhenrausch“ werde sie nicht geraten, „ich bin eine harte Skeptikerin meiner selbst“.

Dante lesen! Diesen Appell richtete Lewitscharoff an die vielen Zuhörer ihres Vortrags. Sie pries dessen schwindelerregende, hinreißende Sprachkunst, voller Vitalität und Drastik und Aktualität: „ Man kann mühelos dem schmierigen Berlusconi in der Hölle begegnen.“ Lewitscharoff -„wenn Dante der Elefant ist, bin ich die Mücke, die sich auf seinen Rüssel setzt“ - entwickelte im Vortrag ein Romanprojekt: Das Buch soll während eines internationalen Dante-Symposiums in Rom spielen, aber nicht Tagungsberichterstattung sein, sondern „modernes Pfingstwunder“, „religiös inspirierte Fantastik“, ohne aber ins Alberne abzudriften.

Die gebürtige Stuttgarterin, die ihre schwäbische Färbung nicht verbirgt, bekannte sich ausdrücklich zur erzählerischen Erfindungskraft und Fantasie, für die sie so gerühmt wird. Bloß nicht sich „im Bunker des Realen“ verstecken. Nobelste Aufgabe des Romanciers sei, „kraftvoll zu schwindeln“: „Im Roman darf man übertreiben.“

Geprägt sei sie durch die fromme Großmutter von der Bibel und durch den Vater von antiken Stoffen, so Lewitscharoff, die Grimms sind ihr weniger als Märchenerzähler denn als „treue Schreibbegleiter“ wichtig: Ohne ihr Wörterbuch entstehe kein einziges ihrer Bücher. Und sie verehrt einen Autor, der gern in Kassel zu Gast war, Samuel Beckett: „Ein leuchtendes Vorbild des Charakters. Das kann ich nicht von vielen Schriftstellern sagen.“

Donnerstag, 18 Uhr, Hörsaal der Kunsthochschule, Lesung aus „Blumenberg“.

Lewitscharoff über...

den Büchner-Preis: Grund zu unbändiger Freude und „45 Luftsprüngen“, nicht zuletzt wegen des wunderbaren Geldgeschenks. Lewitscharoff fühlt eine „massive Verpflichtung“, die 50 000 Euro Preisgeld großzügig zu verstreuen. In den deutschsprachigen Staaten sei der Literaturbetrieb weltweit einmalig „glorios eingerichtet“: „Wir sitzen wie die Maden im Speck.“ Ihr aktuelles Villa-Massimo-Stipendium in Rom etwa sei purer Luxus, in ihrem Atelier dort „könnte ich Kriegerdenkmäler fertigen“.

Gedichte: „Die probiert man in der Pubertät... ein bisschen fragwürdig“. Ihr Lieblingsdichter ist Clemens Brentano, er gehe ihr durch Mark und Bein, „mit Gottfried Benn kann man mich jagen um die Häuserecken“.

den Streit bei Suhrkamp: „Ich liebe diesen Verlag, da gehöre ich hin.“ Ulla Unseld-Berkéwicz sei eine formidable, gescheite, sehr engagierte Verlegerin, die Betreuung bei Suhrkamp erstklassig. Der Investor Hans Barlach sei eine Katastrophe, verlange absurde Renditen "jenseits von Gut und Böse". Wenn er ans Ruder komme, „bin ich in der nächsten Sekunde weg“.

ihre Höllenvorstellung: „Dass ich für schlechte Taten zur Verantwortung gezogen und büßen werde, glaube ich sehr wohl.“

Von Mark-Christian von Busse

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