Literarischer Frühling: Mario Adorf und Grass-Tochter Helene Grass im Gespräch

Die Grimms und eine Hose

Erinnern sich: Mario Adorf und Helene Grass lasen und plauderten über Sprache. Fotos: Katharina Jaeger

Waldeck. Ein Mittagessen im Hause Goethe? Für den jungen Wilhelm Grimm, gerade einmal 23 und noch kein wirklich berühmter Mann, ein großes Ereignis: „Es war ungemein splendid“, schrieb er aus Weimar nach Kassel an seinen Bruder Jacob. Goethe habe viel getrunken, seine Gesprächsbeiträge bestanden meist aus einem leisen Brummen.

Filmstar Mario Adorf las aus dem Briefwechsel der Brüder beim Literarischen Frühling am Samstag auf Schloss Waldeck vor 200 ausgiebig applaudierenden Besuchern im Rittersaal und weiteren 50, die per Videoübertragung zusahen. In den Briefen ging es außer um Goethe auch um Buchrezensionen und ganz profan um ein Paar anständige Hosen, die Jacob Wilhelm nach Berlin schicken sollte.

Moderatorin Bettina Musall („Der Spiegel“) ließ ihre Gäste Mario Adorf und Helene Grass immer wieder „Wortbrücken“ zu den Märchensammlern und Sprachforschern schlagen. Man plauderte - mal locker, mal etwas angestrengt - über die deutsche Sprache, die eigene Karriere und Erfahrungen mit Märchen. Von solchen „Wortbrücken“ spricht Günter Grass in seiner grimmbezogenen Autobiografie „Grimms Wörter“, aus der in Vertretung für den erkrankten Sprachmeister seine Tochter Helene las.

Sie präsentierte unter anderem das Kapitel über Freiheit, darüber, wie nah das Wort frei an froh und freuen liegt, und dass dessen ältester Nachweis im Grimmschen Wörterbuch der Freihals ist – der Hals, der kein Joch trägt. Grass erinnert sich von diesem Wort ausgehend dann ganz persönlich an ein Lazarett in Marienbad zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

So verband der vergnügliche Abend im Zeichen der Sprache die Originalstimmen der Grimms und Grass’ Grimm-Aneignung mit Erinnerungen beider Gäste. Für die 37-jährige Helene Grass war die Zusammenarbeit mit ihrem Vater bei einer Erarbeitung von „Des Knaben Wunderhorn“ besonders beglückend: „Ein großer Schwall Kindheit“ sei durch sie geflutet in der Beschäftigung mit der Liedsammlung, die sie mit ihrem Vater auf vielen Bühnen präsentiert hat, froh, die Volkslieder vom „braunen Touch“ zu befreien.

Der 81-jährige Mario Adorf berichtete vom Dreh der „Blechtrommel“ 1978, wo Regisseur Volker Schlöndorff stets zitterte, wenn Grass persönlich vorbeischaute. Die Schauspieler waren jedoch für seine Hinweise dankbar, so Adorf. Etwa den, dass alle Figuren ein bisschen böse seien, jeder aber einen heldischen Moment habe. Bei seiner Figur, Alfred Matzerath, sei es der, wo er sich zu Oskar als seinem Sohn bekennt. Nur war die Szene im fertigen Film nicht mehr drin, so Adorf, erzürnt beschwerte er sich. Im „Directors Cut“ ist nun Alfreds Heldenmoment zu erleben.

Leicht resigniert bilanzierte Adorf seine Karriere: „Man hat mich nicht wirklich gewollt – man hat mich gebraucht“.

Von Bettina Fraschke

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