Die Grimms reisten in der Literatur

Die Brüder Grimm.

Kassel. Als im Sommer 1807 der romantische Schriftsteller Clemens Brentano bei seiner Schwester in Kassel einzieht, will er seinen „Herzbruder“ Achim von Arnim ebenfalls dorthin locken.

Man könne es in Kassel „außerordentlich gut“ haben, verspricht er, „denn ich habe hier zwei sehr liebe, liebe altteutsche vertraute Freunde Grimm genannt“, die er nach zwei Jahren „fleisigen sehr konsequentem Studium so gelehrt und so reich an Notizzen, Erfahrungen, und den vielseitigsten Ansichten der ganzen Romantischen Poesie wieder gefunden habe, daß ich bei ihrer Bescheidenheit über den Schatz den sie besitzen erschrocken bin“.

Jacob Grimm wiederum berichtet seinem Bruder Wilhelm, der gerade in Gotha seine Tante besucht und die Bestände der Schlossbibliothek sichtet, Brentano habe seine Bibliothek mitgebracht, „die, nach allem zu urtheilen vielleicht einzig in dieser Art seyn muß. Da werden wir unzähligen Stoff zu allen Arbeiten finden, zu meiner großen Freude.“

Steffen Martus zitiert die Briefe in seiner monumentalen, glänzend geschriebenen Doppelbiografie „Die Grimms“ (erschienen bei Rowohlt Berlin), die für Januar als Taschenbuchausgabe angekündigt ist. Die Passagen sind in mancherlei Hinsicht charakteristisch für die „Lebens- und Arbeitsgemeinschaft“ dieser „modernsten Traditionalisten ihrer Zeit“: Martus schildert die Grimms als besessene Leser mit einem „Arbeitsethos aus dem Geist der Bibliothek“ sowie eingebunden in ein Geflecht aus Bekanntschaften, Freund- und Verwandtschaften, das man sich „gar nicht engmaschig genug vorstellen kann“. In den wissenschaftlichen Kontroversen im bisweilen brutalen Literaturbetrieb jedoch zeigten auch die Grimms eine „gewisse Skrupellosigkeit“.

„Gesellschaften müssen seyn“, schrieb Wilhelm an Jacob, weil die Menschen gesellig seien. Wilhelm hatte das ausgeprägtere Empfinden für soziale Erfordernisse, war flexibler, ausgleichender. „Alles nicht arbeiten macht dir Langeweile“, wusste Wilhelm von Jacob. Der konnte kaum spazieren gehen, weil das keinen Zweck erfüllte. Er verreiste lieber „in der Literatur“, obwohl ihn dabei das „Geschrei holzfahrender Bauern u. das Gebell der Hunde“ störte. Jacob war schroffer, nannte sich selbst „verschlossen und eingekehrt“ - es ist also kein Wunder, dass ihm Brentanos Bibliothek wichtiger war als dieser selbst.

Grimm-Biograf Martus erläutert aber auch anschaulich, was die Grimms letztlich von den Romantikern unterschied. Sie wollten nicht nur den alten Überlieferungen all der Mythen, Sagen und Volkslieder nachspüren, sondern den historischen Zusammenhang der Quellen, die sie sammelten und herausgaben, darlegen. Jacob lehnte sogar Übersetzungen der „Naturpoesie“ etwa aus dem Dänischen ab. „Sie laßen das Alte nicht als Altes stehen, sondern wollen es durchaus in unsere Zeit verpflanzen“, schrieb Jacob über den Brentano-Kreis. Die Grimms standen für Gründlichkeit, Genauigkeit ein. Sie hatten nicht die literarischen Ambitionen der Romantiker, sondern ein systematisches, historisch-kritisches Interesse. Das machte sie nicht zu Dichtern, sondern zu Philologen, Sprachwissenschaftlern, und Begründern der Germanistik.

Am Ende stand das „Deutsche Wörterbuch“, das den gesamten neuhochdeutschen Wortschatz als „eine Naturgeschichte der einzelnen Wörter“ erfassen sollte und den Heine ein „kolossales Werk“ nannte, „einen gotischen Dom, worin alle germanischen Völker ihre Stimme erheben, wie Riesenchöre, jedes in seinem Dialekte.“ Als die Grimms starben, waren die Stichwörter A bis Frucht vollendet. Bei der Fertigstellung 1960 gab es 16 Bände mit 67 744 Spalten.

Was das Werk der Märchensammler uns heute noch zu sagen hat - darüber spricht „Zeit Geschichte“-Redakteurin Hella Kemper am Dienstag, 27. November, 19.30 Uhr, im Hotel Gude, Frankfurter Straße 299. mit Prof. Dr. Steffen Martus (Humboldt-Universität Berlin). Martus wird Passagen aus seinem Buch „Die Grimms“ lesen.

Leben und Werk der Brüder Grimm

Jacob (4. Januar 1785 - 20. September 1863) und Wilhelm Grimm (24. Februar 1786 - 16. Dezember 1859), geboren in Hanau, wachsen in Steinau auf und besuchen in Kassel das Friedrichsgymnasium. Der frühe Tod des Vaters, des Amtmanns Philipp Wilhelm Grimm, prägt die Brüder, die für die Witwe und die jüngeren Geschwister sorgen müssen.

Beide studieren in Marburg Rechtswissenschaften, ehe sie in Kassel in enger Haus- und Arbeitsgemeinschaft über 30 Jahre lang Ämter als Diplomaten und im Bibliotheksdienst bekleiden. Jacob ist zeitweilig Königlicher Bibliothekar bei Jérôme Bonaparte, reist als Legationssekretär nach Paris und 1815 zum Wiener Kongress. 1819 für beide Ehrendoktorwürde in Marburg. 1825 heiratet Wilhelm Dorothea Wild, sie haben zwei Söhne und eine Tochter.

1830/1835 werden beide Professoren in Göttingen. Weil sie sich gegen den Verfassungsbruch des Königs von Hannover auflehnen, werden sie 1837 ausgewiesen. Die Brüder gehen erst nach Kassel, 1841 an die Preußische Akademie der Wissenschaften nach Berlin.

Bedeutend sind ihre sämtlichen „altdeutschen Studien“: die Herausgabe von Sagen, Forschungen zur Grammatik, Arbeit am „Grimm’schen Wörterbuch“. Die Brüder gelten als Begründer der heutigen Sprach- und Literaturwissenschaft. Jacob ist 1846/47 Vorsitzender von Germanistenversammlungen, 1848 wird er Abgeordneter der Nationalversammlung in der Paulskirche. Beide sterben in Berlin, wo sie auch bestattet sind.

Von Mark-Christian von Busse

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