Grimmwelt will neue Zielgruppe ansprechen

In der Kasseler Grimmwelt entdeckt die Generation Internet den dunklen Wald

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Eine Lichtung: Mitten im Ausstellungsraum entsteht durch Projektionen der Eindruck, im Wald zu stehen.

Ein virtuelles Totalerlebnis ist die neue Schau "Finsterwald" in der Kasseler Grimmwelt, in der man mit allen Sinnen den Wald  - auch mit seinen dunklen Seiten - erleben kann. 

Aus der Schwärze der Nacht leuchten nur einige Buchstaben hervor. Sie formen digital die Konturen eines Baumes. Leise Bewegungen im Wind, ein Irrlicht taucht auf und gaukelt sichere Helligkeit vor. Räkelt sich da in der Höhle ein wildes Tier? Rasch weiter zum Wasserfall aus Buchstaben, die sich reißend hinabstürzen in einen schnell fließenden Bach. 38 Millionen Pixel pro Sekunde sind in Stellung gebracht worden, um die neue Ausstellung in der Kasseler Grimmwelt zu gestalten. „Finsterwald“ ist eine rein digitale Schau, die ohne Objekte auskommt.

Man kann sich stattdessen tief hineinbegeben in eine dunkle Welt der Fantasie. Immersion heißt das Stichwort – intensives Erleben, ohne auf Sprache, Erklärtexte oder kulturelles Vorwissen angewiesen zu sein. Leiter Peter Stohler möchte damit auch neue, jüngere Zielgruppen ins Haus holen, speziell in den sozialen Medien wird für das virtuelle Totalerlebnis geworben.

Der Wald – das ist in den Märchen der Brüder Grimm der Ort der Transformation, erklärt Kurator Mirko Zapp. Hier müssen sich die Protagonisten ihren Ängsten stellen, begegnen also symbolträchtigen, finsteren Gestalten wie auch Helfern wie Zwergen oder Feen. Und im Wald werden die Märchenhelden selbst verwandelt – und erwachsen. Dass es dafür hinterher eine stattliche Belohnung gibt – ein ganzes Königreich oder die Hand der Prinzessin – zeigt nur, so Zapp, wie bedeutungsvoll dieser Prozess der inneren Transformation war. Eine Heldenreise.

Der Buchstabe ist der kleinste Partikel einer Geschichte. Aus künstlerisch-abstrakten Buchstabenwäldern können die Besucher der Grimmwelt auf der 330 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche in einen Stelenkreis treten. Hier ist eine weitere Videoinstallation zu erleben. Zu sehen ist ein majestätischer Laubwald, es wirkt, als stünde man mitten auf einer Lichtung. Erst ist noch alles freundlich und hell, aber das ändert sich bald, wenn die Stimmungen unheimlicher, die Bilder düsterer werden.

Blitzlichtartig werden Besucher hier auch an ihre eigenen Urängste herangeführt. Gefangen sein, nicht den Überblick haben, keinen festen Boden, im viel zu engen Kontakt mit undefinierbaren Kreaturen sein. Dornenhecken wuchern bedrohlich. Ist das Häuschen da drüben ein sicherer Ort? Wohnt da überhaupt jemand?

Für die technische Umsetzung ist das Bremer Studio Urbanscreen zuständig, Produzent Majo Ussat betont, man wollte nicht mit dem Medium der Virtuellen Realität arbeiten, Besucher müssen also nicht mit speziellen Brillen durch die Ausstellung gehen. 20 Minuten dauert ein Loop aus den Projektionen von 18 Projektoren, 18 Mediaplayern und zahlreichen Lautsprechern. Man kann jederzeit einsteigen, sich frei im Raum bewegen, wird irgendwo ein Detail, eine Lichtstimmung, ein Rätsel oder ein Zitat aus Worten finden, das fesselt. Es gibt keine lineare Erzählung, auch wenn ganz viel erzählt wird in diesem Finsterwald.

Bis 6. Oktober, Grimmwelt, Weinbergstr. 21. Das Begleitprogramm beginnt am 13. April, 19 Uhr: Lesung von Romy Hausmann aus ihrem Bestseller „Liebes Kind“.

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