Neue Ausstelllung

Grimmwelt schickt Sprache auf die Murmelbahn

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Begriffsbildung: Leuchtbuchstaben zeigen das Wort Arbeit in verschiedenen Zusammenhängen - so sollen unterschiedliche Bewertungen deutlich werden.

Kassel. Neue Sonderausstellung in Kasseler Museum: „Aufs Maul geschaut - Luther und Grimm wortwörtlich"

Per SMS mit Martin Luther kommunizieren können Besucher der neuen Sonderausstellung in der Kasseler Grimmwelt, die ab heute geöffnet ist. Per Telefon können ihm Kurznachrichten gesendet werden, die auf einer Projektionswand in der Ausstellung erscheinen. Sekunden später gibt es eine Antwort vom Reformator - generiert aus Zitaten.

Die Schau „Aufs Maul geschaut - Luther und Grimm wortwörtlich“ beschäftigt sich mit dem Einfluss Luthers auf die deutsche Sprache - wie auch im von den Brüdern Grimm erstellten Deutschen Wörterbuch ersichtlich ist, wo sich Zehntausende Belege zu Luther finden lassen. Kurator ist Dr. Friedrich Block, Geschäftsführer der Kasseler Brückner-Kühner-Stiftung. Die elf Installationen hat das Berliner Studio TheGreenEyl konzipiert und umgesetzt.

Der Grundgedanke

Martin Luther wollte in seiner zum Volksbuch gewordenen Bibelübersetzung sprachlich so direkt wie möglich sein, so Block. Er verdichtete deshalb, schuf Sprachbilder, die 500 Jahre überdauert haben und bis heute in Gebrauch sind. Elf Formulierungen wie „Perlen vor die Säue“, „Unser täglich Brot“, „Zu Staub werden“ oder „Im Dunkeln tappen“ beleuchtet die Ausstellung. Dabei soll Sprache mit allen Sinnen erlebt werden, so Grimmwelt-Leiterin Susanne Völker: „Wir sind weg von einer musealen Präsentation.“

Mitmachen

Neben dem SMS-Chat zum Thema „Sein Scherflein beitragen“ mit Luther - dessen Gesprächspartner übrigens kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe ist, wenn gerade kein Besucher beteiligt ist - empfängt die Betrachter ein Zettelstapel zur Redewendung „Alles hat seine Zeit“. Die hat Luther zum alttestamentarischen Text aus Prediger 3, 1-13 geprägt. Besucher können wie bei einem Abreißkalender Blätter mitnehmen und finden auf deren Rückseite Texte der Autorin Ellen Wesemüller. Wer also „Zeit mitbringt“ in die Schau, kann „Zeit mitnehmen“, so Völker, nämlich per Gedanke oder Zitat zum Thema. Durch das Abreißen verändert sich der Zettelstapel: eine 3D-Skulptur.

„Perlen vor die Säue“ wird mit einer Murmelbahn sinnlich gemacht. Auf einer meterhohen Wand sind Metallstreben montiert, durch die Kugeln gelenkt werden, die mit Worten beschriftet sind. Per Knopfdruck werden die zu Komposita zusammengestellt - wie etwa „Prollkuss“ oder „Handpanik“. Dies nehme auch Bezug zur Jugendsprache, so Willy Segewald von TheGreenEyl, die etwa Begriffe wie „Arschfax“ schuf. Damit ist ein Unterhosenetikett gemeint, das aus der Hose lugt.

Einige Installationen sind allerdings nicht selbsterklärend - etwa eine Anordnung von Holztafeln, vor die man sich stellen soll, um vorgelesene Silbenklänge zu spüren oder eine kaum leserliche Bleistiftzeichnung, die den Bedeutungswandel von Begriffen wie Mann und Frau über Jahrhunderte zeigen soll.

Künstlermitwirkung

Ähnlich wie in der Dauerausstellung werden hier viele Facetten des Themas mit künstlerischen Beiträgen dargestellt. Reine Wissensvermittlung, also Erklärstationen, gibt es quasi nicht. So hat Slam-Poetin Nora Gomringer ein Videogedicht beigetragen zu „Unser täglich Brot“, aus Buchenstämmen erklingen Gedichte von Stephan Krass zum Thema „Buch mit sieben Siegeln“. Schließlich habe der Begriff Buch, so Segewald, laut Grimm’schem Wörterbuch ursprünglich mit der Buche zu tun, in die geritzt wurde.

Service

Die Ausstellung „Aufs Maul geschaut - Luther und Grimm wortwörtlich“ läuft bis 31. Oktober, Grimmwelt, Weinbergstraße 21, Di-So 10-18, Fr bis 20 Uhr.

Eine Publikation erscheint zur Sonderpräsentation: Autoren wie Timo Brunke, Nora Gomringer und Volker Harm steuern Essays und poetische Texte bei, grafische Elemente und ganzseitige Abbildungen ergänzen das Buch: Grimmwelt Kassel (Hrsg.): „Aufs Maul geschaut. Luther und Grimm wortwörtlich“, Verlag Winfried Jenior, 128 Seiten, 17,50 Euro.

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