Das Gringolts-Quartett trumpft bei den Kasseler Musiktagen auf

Musiker mit einem sehr besonderen Stil: Das Gringolts-Quartett mit (von links ) Ilya Gringolts (Violine), Silvia Simionescu (Viola), Anahit Kurtikyan (Violine) und Claudius Herrmann (Violoncello). Foto: Malmus

Kassel. Musiker lesen vor ihrem Auftritt keine Programmhefte. Dem Gringolts-Quartett wäre sonst aufgefallen, dass es ein anderes Streichquartett von Joseph Haydn vorbereitet hatte, als im Programm der Kasseler Musiktage stand.

Statt des G-Dur-Quartetts op. 76,1 wurde kommentarlos das D-Dur-Quartett op. 76,5 gespielt - was Pausengespräch bei den 100 Zuhörern im Ständesaal war.

Für Diskussionen sorgte auch das Haydn-Spiel des Quartetts, das nach dem renommierten ersten Geiger Ilya Gringolts benannt ist. Fast vibratolos und mit gläserner Reinheit spielten die vier - allesamt exzellente Instrumentalisten. Exaltiert wirkten die Farben und die Akzentuierungen, und durchs Presto-Finale jagten sie in wildem Ritt. Die Kehrseite: Dem Gringolts-Spiel fehlt völlig die Haydn-typische Natürlichkeit des Ausdrucks.

Dass zwischen dem Haydn-Quartett und dem späten Beethoven-Quartett op. 132 Jens Joneleits für die Kasseler Musiktage komponiertes Streichquartett uraufgeführt wurde, setzte den 44-jährigen Komponisten höchsten Vergleichsmaßstäben aus. Doch sein Quartett konnte neben den Klassikern bestens bestehen. Joneleits viersätziges Werk ist eine höchst anregende und ergreifende Auseinandersetzung mit der Tradition der Gattung Streichquartett.

Jens Joneleit

„Entscheidend ist nicht, wie ein Stück klingt, sondern was darin passiert“, umschreibt der Komponist seine Haltung. Dies unterscheidet ihn von Kollegen, die vorwiegend mit Klängen experimentieren. Joneleit aber ist Komponist im Wortsinne, er arbeitet mit musikalischen Strukturen. Im expressiven ersten Satz entsteht so ein spannendes durchführungsartiges „Gespräch“ aller vier Instrumente - wobei die Klangwirkung nicht zu kurz kommt.

Pianissimo-Geflüster macht den zweiten Satz zu einer interessanten Scherzo-Variante. Herzstück des Quartetts ist aber ein ausladendes Adagio, in dem vor allem die Violastimme mit wunderbaren, teils wie von fern klingenden Kantilenen berührt. Dieses hohe Niveau kann das extrovertierte Finale nicht ganz halten.

Ludwig van Beethovens a-Moll-Quartett op. 132 erfuhr dann nach der Pause in der artifiziellen, tonlich raffiniert variantenreichen und dabei fast vibratofreien Spielweise eine denkwürdige Interpretation, die mit Bravos bedacht wurde. Zum Dank gab es das Adagio aus Robert Schumanns Streichquartett op. 41,1 als Zugabe.

Von Werner Fritsch

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