Rundgang in der Kunsthochschule Kassel

Offene Ateliers und Werkstätten bis Sonntag in Kassel

Bestandteil einer Performance: Das Geschirr liegt in der Klasse von Christian Philipp Müller. Wenn Julia Kopylova und Marion Hellebrandt es mit Besen verschieben, macht das einen ohrenbetäubenden Lärm. Kopylova hat den mit 1100 Euro dotierten Rundgangspreis der Birgitt-Bolsmann-Stiftung erhalten. Fotos: von Busse

Kassel. Statt einen Katalog zu erarbeiten, haben die Organisatoren der Jahresausstellung Rundgang an der Kunsthochschule Kassel Studenten und Beschäftigte gefragt.

„Wovon lässt du deine Arbeit als Künstler*in, Designer*in, Theoretiker**in beeinflussen?“ Einzige Bedingung: Die Antwort sollte DIN-A6-Format haben.

279 Beiträge gab es, die je 700-mal als Karten gedruckt wurden. Sie liegen im Säulengang aus und machen eine Vielfalt an Inspirationsquellen sichtbar - vom verstrubbelten Hinterkopf in den Kissen („von meinen Träumen“) bis zum Foto aus Pedro Almodóvars „Volver“ mit Penelope Cruz, die ein blutiges Messer hält: „Filme, die uns bewegt haben“.

Wer durch die Ateliers und Werkstätten wandert, dem wird auch das breite Spektrum der Arbeitsweisen auffallen. Oft wird so fachübergreifend gedacht, dass man gar nicht weiß, ob man nun in einer Klasse für Freie Kunst oder Visuelle Kommunikation steht. Bei Kerstin Drechsel hat die Klasse ein Naturfreundehaus aus dem Gedächtnis nachgebaut - es geht darum, wie Erinnern eine neue Wirklichkeit schafft. In der Klasse des nun auch als Professor ausscheidenden ehemaligen Rektors Christian Philipp Müller („Performative Skulptur“) überzieht Florian Bode jeden Tag eine Glasplatte mit Spray und Kohlenstaub, sodass sie die Anmutung eines edlen Smartphones hat.

Blitzschnell verwandelt: Die Schaukel von Charlotte Enders (Produktdesign) lässt sich als Rucksack mitnehmen.

In Bjørn Melhus’ Klasse für Virtuelle Realitäten hat eine Künstlergruppe, „The international Stemtable“, das Spiel „Non german student ärgere dich nicht“ entwickelt, das alle bürokratischen Hürden aufzeigt, sobald man als Student nach Deutschland kommt: Der Würfel hat nur eine Eins, man muss jeden Schritt machen. Das Spiel hat den Mitarbeiterpreis (770 Euro) erhalten.

Dann gibt es die Trickfilmer, Fotografen, Grafiker, die Illustratoren und Filmklassen sowie die Designer, die sich handfesten Aufgaben stellen - im Säulengang etwa zeigen Studierende von Ineke Hans Möbel-Prototypen: „Future Furniture“.

Beat Sandkühler (Produktdesign) hat bei einer Reise in Peru Weber kennengelernt, für die er Taschen entworfen hat - mit wenig Verschnitt, „super simpel“, wie er sagt, zeitgemäß, aber doch mit traditionellen Mustern. Seine Entwürfe werden bereits produziert. Ob Maleke Saalmanns witzige „Grinsekette“ - sobald man an ihr zieht, schiebt man die Mundwinkel unwillkürlich nach oben - je in Serie geht?

In Norbert Radermachers Klasse kam die interdisziplinäre Herangehensweise zum Tragen, indem angehende Kunstwissenschaftler kuratiert haben. Hier setzt sich etwa Silke kleine Kalvelage mit dem Plastikmeer der Gemüseproduktion in Andalusien auseinander.

Organisiert haben den Rundgang die Studierenden - kein Professor wollte, wie sonst üblich, die Federführung übernehmen, sagt Pressesprecherin Diana Chwalczyk. Mittwochabend gab’s zur Eröffnung Konfettikanonen, einen Chor mit Masken wie im antiken Drama, Ansagen per Megafon, Sekt und eine zermatschte Melone. Ein turbulenter, klamaukiger Auftakt. Für die nächsten Jahre seien aber, so Chwalczyk, Profs als Verantwortliche bereits „dingfest gemacht“.

Service

In Zungenform: Steffi Jüngling, Künstlerische Mitarbeiterin der Klasse Norbert  Radermacher, zeigt die Arbeit von Kerstin Krusche, Natalia Escudeo und Seulki Claire Kim - ein Eis namens Paul.

Der Rundgang in der Kunsthochschule, Menzelstraße 13-15, ist noch Freitag/Samstag (12-21 Uhr) und Sonntag (12-18 Uhr) geöffnet. Überall liegen Lagepläne mit dem Programm aus, das es auch auf www.kunsthochschulekassel.de gibt. In Innenhöfen und Klassen gibt es Cafés, die Rundgang-Partys sollen aber deutlich eingeschränkt werden, um Ärger mit Anwohnern vorzubeugen. Deshalb wird auf der Mensawiese auch nur eine zentrale Bühne mit Musik bespielt. Im Papiercafé (Nordbau) gibt es einen Rundgangsladen. Führungen beginnen Fr/Sa/So jeweils um 14.30 Uhr (Treffpunkt: Eingang Südbau). Im Bali-Kino laufen Samstag und Sonntag ab 14 Uhr Filmprogramme. Auch das traditionelle Fußballturnier gibt es wieder (Freitag, 13 Uhr).

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