Wolf Biermann gestaltete einen musikalisch-poetischen Abend voll Lebensweisheit und Witz in Vellmar

Grinsen für mehr Lebendigkeit

Engagiert: Der Liedermacher und Dichter Wolf Biermann beim Auftritt in Vellmar. Foto:  Fischer

Vellmar. Mit einem schalkhaften Grinsen wechselt Wolf Biermann zwischen dem, was er große Kleinpoesie, Großpoesie und Größtpoesie nennt. Der Poet und Liedermacher raunt, singt, nuschelt und säuselt ins Mikro, zupft die Gitarre, rezitiert ganz ohne Begleitung das Sonett 66 von Shakespeare (dem Größtpoeten) und bringt den vollen Saal in der Mehrzweckhalle Vellmar-Frommershausen abwechselnd zum Schmunzeln und zum ergriffenen Staunen.

Wenn ein Text oder Lied dann gar so bedeutungsschwer endet, gibt der 75-Jährige seiner Gitarrenschlaghand einen pathetischen Schlenker, zieht die Mundwinkel nach oben und ironisiert die kurze Beklommenheit locker weg.

Ganz persönliche Lied-Nachdichtungen anderer Autoren stehen auf seinem viel beklatschten zweieinhalbstündigen Programm auf Einladung des Literaturvereins Ecke und Kreis. Es ist ebenso ein Vortrags- wie ein Erzählabend, denn Biermann stellt hier wenig bekannte Poeten wie den oppositionellen Russen Bulat Okudschawa, den „schwedischen Brecht“ Nils Ferlin und den jiddischen Krakauer Mordechai Gebirtig vor, erklärt ihre Geschichte und die Art und Weise, wie er sich nachdichtend deren Lieder angenommen hat. Das geschah mal aus politischem oder philosophischen Interesse, mal schlicht, weil seine damalige Lebensgefährtin Eva-Maria Hagen nicht frustriert zu Hause „in der größten DDR der Welt“ herumsitzen, sondern etwas Schönes zu singen haben sollte.

Man hört gern zu, wenn Wolf Biermann die Welt erklärt. Denn er ist einerseits selbstreflektiert und blickt voll distanzierter Zuneigung auf den zornigen jungen Kerl, der er damals war, bevor ihm im Westen „der faule Zahn des Kommunismus gezogen“ wurde. Andererseits schaut er aufs große Ganze und kommt von dort ganz nah zurück zum Menschlichen. Dass jeder Mensch die Todessehnsucht kennt, zum Beispiel, „die Leute, die hier sitzen, sehen darin nicht wie Anfänger aus“. Dahinter verberge sich der Wunsch, das eigene Dasein lebendiger zu machen. Dass Biermann alle paar Minuten werbend auf sein neues Buch hinweist, ist allerdings störend.

Zum Abschluss schwenkt der Poet dann in die Turbulenzen der geschlechtlichen Annäherung. Wir lernen den Unterschied zwischen säuischen (wünschenswert) und schlüpfrigen (ekelhaft) Texten und erkennen, dass in dem lautmalerisch transferierten Aufklärungslied von Harry Belafonte das Thema umfassend erklärt ist: „Ritze ratze kille kille musch musch“.

Wolf Biermann: Fliegen mit fremden Federn, Hoffmann und Campe, 528 Seiten, 26 Euro.

Von Bettina Fraschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.