Deutschlehrerin war prägend

Grönemeyer ist ihr Fan: Pop-Aufsteigerin Balbina

Diese Stimme hat dem deutschen Pop gefehlt: Sängerin Balbina kommt mit Grönemeyer zum Hessentag und tritt beim Musikschutzgebiet-Festival auf.

Dabei wurde die Berlinerin lange nur kritisiert. Als Schülerin wurde die Berliner Sängerin Balbina schon mal ausgelacht, nun gilt die 32-Jährige als deutsche Pop-Sensation. Ihr Album „Über das Grübeln“ ist erfrischend anders - mit eingängigen Melodien, luftigen Beats und Zeilen, die hängen bleiben. In „Langsamer langsamer“ singt Balbina etwa: „Wir sprinten in den Stillstand.“ Von wegen. Am Freitag tritt die gebürtige Polin beim Musikschutzgebiet in Homberg (Efze) auf, Sonntag gastiert sie mit Herbert Grönemeyer beim Hessentag in Hofgeismar. Seine Tochter hatte ihn auf Balbina aufmerksam gemacht.

Wie ist es, mit Herbert Grönemeyer auf Tour zu sein?

Balbina: Das ist toll und eine große Ehre für mich, weil ich Herrn Grönemeyer bewundere und er ein Vorbild für mich ist. Als unbekannte Künstlerin einen Support vor 15.000 Leuten zu spielen, das ist Wahnsinn.

Sie nennen ihn Herr Grönemeyer?

Balbina: Ja, selbst wenn er mir backstage das Du angeboten hätte, würde ich mir in einem Interview das Du nicht erlauben. Dafür habe ich einen zu großen Respekt vor ihm.

Kritiker nennen Sie „das Aufregendste, was deutsche Popmusik gerade zu bieten hat“. Wie gehen Sie mit dem Lob um?

Balbina: Manchmal muss ich mich kneifen, damit ich weiß, dass das alles wirklich passiert. Das ist ein schönes, aber auch sehr ungewohntes Gefühl. Bisher habe ich immer polarisiert. Ich kenne also beide Seiten.

Ihre Lieder gehen schnell ins Ohr. Vor allem aber betören Ihre Texte, die mit dem Klang von Worten arbeiten. Was ist zuerst da: Musik oder Text?

Balbina: Immer der Text. Lange grübeln muss ich nicht. Was mir im Alltag auffällt, schreibe ich in ein Notizbuch. Ich habe unzählige und sammele sie, um sie mir später noch mal anzuschauen. Stift und Papier sind für mich essenziell.

Sie sollen eine schwierige Kindheit gehabt haben.

Balbina: In der Schule war ich die Außenseiterin, weil ich vor allem für meine kleinen, fantasievollen Projekte gelebt habe. Mein Leben hat immer erst nach der Schule begonnen. Ich war ein zurückgenommenes Kind und hatte nicht sehr viel Anschluss. Das änderte sich erst, als ich Menschen traf, die auch kreativ waren.

Was sagen Ihre Mitschüler von einst, wenn Sie Ihre Musik nun im Radio hören?

Balbina: Ich habe nicht mehr viel Kontakt zu ihnen, weil ich nie mit ihnen befreundet war. Ab und zu bekomme ich eine Nachricht. Manche waren sich nicht bewusst, wie sich das damals für mich angefühlt hat.

Angeblich ist Erich Kästner ihr Vorbild. Das hört man nicht oft von jungen Popmusikern.

Balbina: Ein Vorbild würde ich Erich Kästner nicht nennen, aber ich habe viel von ihm gelesen als kleines Mädchen, ebenso von Astrid Lindgren. Wegen ihnen wollte ich schreiben. Schriftsteller haben mich mehr beeinflusst als Musiker.

Welchen Einfluss hatte Ihre Deutschlehrerin Frau Schröder?

Balbina: Sie war prägend, weil ich über meine Liebe zum Schreiben lange nicht gesprochen habe. In ihrem Deutschunterricht kam ich nicht so gut an. Auch nicht bei den Mitschülern. Ich habe mich nicht verstanden gefühlt. Wenn ich etwas vorgelesen habe, hörte ich nur „Hä?“. Manchmal frage ich mich, wie ich es geschafft habe, mich immer wieder zu motivieren. Denn ich bin nicht der Typ, der sagt: „Hier bin ich, hört euch das an.“ Selbst auf der Bühne war ich erst schüchtern. Und bei Foto-Shootings muss ich mich überwinden.

Früher sind Sie im Vorprogramm der Party-Proleten Die Atzen aufgetreten. Wie haben Sie das überstanden?

Balbina: Musikalisch ist das natürlich ganz anders. Ich habe damals im Rap-Umfeld viele Freunde gehabt. Als die zwei mir das anboten, war das eine tolle Chance. Ich habe mich teilweise um Kopf und Kragen gespielt, aber es war eine Schule fürs Leben. Es war das erste Mal, dass mir jemand eine Bühne gegeben hat.

Nun soll sogar Bundespräsident Joachim Gauck Ihr Album hören.

Balbina: Das weiß ich nicht, aber als ich beim Bürgerfest im Schloss Bellevue aufgetreten bin, kam er zu mir und sagte, dass er meine Musik gut fände. So ein Kompliment tut gut.

Zur Person

Geboren: am 13. Mai 1983 in Warschau als Balbina Monika Jagielska

Aufgewachsen: in Berlin als Tochter einer Soziologin. Balbina sagt: „Ich bin eine Berliner Pflanze.“

Ausbildung: BWL-Studium Die Musik: Ihr zweites Album „Über das Grübeln“ ist bei Four Music erschienen.

Besonderes: Für Konzerte lässt sich Balbina besondere Kostüme der Berliner Designerin Susann Boslau schneidern. Im Homberger Musikschutzgebiet will sie in einem „geometrischen Neoprenkleid“ auftreten.

Privates: Lebt in Berlin. Mehr verrät die 32-Jährige nicht.

Das Festival

Unter Kennern gilt das Musikschutzgebiet als eines der schönsten kleinen Festivals der Republik. Bei der elften Auflage gastieren von Donnerstag bis Sonntag 30 Musik-Acts auf dem idyllisch gelegenen Grünhof bei Homberg (Efze). Neben Balbina treten unter anderem die Flensburger Punkband Turbostaat, das Berliner HipHop-Duo Zugezogen Maskulin, die belgische Indierockband Intergalactic Lovers und der neuseeländische Singer/Songwriter Graham Candy auf, dessen Stimme im 2014er-Sommerhit von Alle Farben („She Moves“) zu hören war. Man sollte das Festival nicht verpassen. Aus privaten Gründen der Veranstalter wird es vorerst das letzte sein. www.musikschutzgebiet.de

Tickets für den Auftritt von Balbina mit Herbert Grönemeyer am Sonntag, 20 Uhr, beim Hessentag in Hofgeismar gibt es beim HNA-Kartenservice in der Kasseler Kurfürsten-Galerie.

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