Der Musiker und Meeresliebhaber stellt in Berlin gut gelaunt sein neues Album „Schiffsverkehr“ vor

Neues Album: Herbert Grönemeyer ist wieder auf Kurs

Blickt optimistisch in die Zukunft: Statt „Geleite mich heim, rauhe Endlosigkeit“ heißt es 2011 bei Herbert Grönemeyer wieder „Entfalte meine Hand, die Anker los.“ Am Samstagabend tritt der 54-Jährige bei „Wetten, dass ..?“ auf. Foto: Ditzel

Berlin. Früher sang er: „Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders“. Im Titelsong seines neuen Albums „Schiffsverkehr“ singt Herbert Grönemeyer: „Leb mich voran, verliere mich in mir“. Das könnte man als Eigenplagiat bezeichnen, ist es aber nicht.

Nach der Bewältigung der Trauer über den Verlust seiner Frau und seines Bruders hat sich Grönemeyer neu auf den Weg gemacht und ist wieder beim Rock der 80er-Jahre angekommen. Bei der Album-Präsentation in Berlin erlebten wir einen extrem gut gelaunten Sänger und Komponisten.

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Auf den Titel „Schiffsverkehr“ kam der 54-Jährige im vergangenen Sommer zur Mittsommernacht in Stockholm, wo er mit seiner Band im Abba-Studio an den neuen Stücken arbeitete. „Ich sah in den Schären die vielen Schiffe, und sie symbolisierten für mich Aufbruch, Freiheit und den Blick nach vorn.“ Nun sind maritime Begriffe in seinen Liedern nichts Besonderes, man denke an „Zum Meer“ oder „Land unter.“ „Das“, scherzt er, „liegt daran, dass ich aus dem Seefahrer-Volk der Ruhrgebietsler komme. Wir sind früher im Sommer immer zu tausenden an die See gefahren.“

Heute pendelt der Exil-Bochumer zwischen seinem Wohnort London und Berlin, wo seine beiden Kinder leben und er sein Studio hat. Für die Aufnahmen zu „Schiffsverkehr“ zog es ihn außer nach Stockholm, Berlin und London noch nach New York. „Ich wollte diesen 80er-Jahre-Sound. Deshalb haben wir die Gitarren-Parts im gleichen Studio aufgenommen wie Jimi Hendrix und dort die härteren Rock-Titel auch abgemischt.“

Die Geigen kamen im Abbey Road-Studio in London hinzu. „Da wurde ich ganz melancholisch, als ich das Klavier sah, auf dem Paul McCartney ‚Lady Madonna‘ gespielt hat.“ Man hört diese Melancholie. Es gibt viele Geigen auf „Schiffsverkehr“, bis an die Grenzen des Kitsches. „Kitsch bis an die Kante fahren hat auch Klasse“, kontert er die Kritik und lacht. „Außerdem stehe ich als typischer Westfale auf dem Standpunkt: Wenn ich so viele Streicher habe und bezahle, will ich sie auf dem Album auch hören.“

Das neue Album hat aber auch seine ernsten Momente. „Auf dem Feld“ erzählt von einem Soldaten im Afghanistan-Einsatz. „Diese Männer riskieren dort täglich ihr Leben, während hier das Leben aus dem sie kommen, einfach weitergeht. Sie fühlen sich von allen vergessen.“

In „Deine Zeit“ beschäftigt sich Grönemeyer mit der Alzheimer-Krankheit seiner Mutter. „Sie kann gut damit umgehen, aber ich frage mich oft, wenn ich bei ihr bin, aus welcher Welt ich sie gerade abhole.“ Das Lied hat er für sich und für alle die geschrieben, „die mit ihren Eltern einen Abschied auf Raten erleben.“

Würde er heute ein Lied über die Situation in Japan schreiben? „Nein. Was dort geschieht, macht mich sprachlos und unendlich traurig. Dazu kann ich nichts schreiben.“ Nicht traurig, sondern wütend macht ihn das Moratorium, mit dem die Bundesregierung auf die Reaktorkatastrophe reagiert hat. „Für wie blöd halten die uns eigentlich. Die dürfen sich nicht wundern, wenn ihnen niemand mehr zuhört.“

Ansonsten sprüht Grönemeyer vor Energie und freut sich auf die im Mai beginnende Tournee. Seine einzige Sorge: „Hoffentlich merken die Leute nicht, dass ich nicht besonders gut tanzen kann.“ Zum Abschluss überrascht er mit der Ankündigung, dass er auch schon an sein Abschiedskonzert gedacht hat: „Im Juli 2045 in der Kulturmuschel am Strand von Travemünde.“

Von Wilhelm Ditzel

Herbert Grönemeyer tritt am 10. Juni in Kassel vor der Orangerie auf. Tickets beim HNA-Kartenservice, 0561/203-204, www.hna-kartenservice.de

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