Regisseur Barrie Kosky feiert in Hannover mit Richard Wagners „Walküre“ einen Helden wider Willen

Größe aus Verzweiflung

Schlüsselszene: Brünnhilde (Brigitte Hahn) verkündet Siegmund (Vincent Wolfsteiner) den nahen Tod. Foto: Jauk

Hannover. Wenn Wagners Vierteiler „Der Ring des Nibelungen“ eine Schachpartie wäre, dann ginge es im „Rheingold“ darum, das Spiel so zu eröffnen, dass es sich in verschiedene Richtungen entwickeln kann. In der „Walküre“ jedoch müsste nach den Regeln des Metiers die Strategie des Spielers erkennbar werden.

Der Spieler beim „Ring“-Projekt an der Staatsoper Hannover ist der Regisseur Barrie Kosky - und es scheint nach der „Walküre“, als sei es seine Strategie, keine zu haben. Ein Nachteil ist das (vorerst) nicht.

Kosky verlässt den Feldherrnhügel des Regisseurs, der die komplexe Handlung von einer höheren Warte aus betrachtet und für das Opernpublikum einordnet. Stattdessen geht er nah, ganz nah an die Protagonisten heran und zeigt sie in ihrer bloßen, das heißt körperlichen Existenz.

Siegmund, Wotans Schachfigur im großen Machtspiel, dringt hier als Blutüberströmter durch die Glasschiebetür in Hundings Bungalow ein (Bühne: Klaus Grünberg). Sein zuckender Körper, seine stummen Selbstgespräche zeigen einen Verweifelten, der längst nicht mehr weiß, wie ihm geschieht, ein Held nur noch in Selbstverteidigungsreflexen.

Vincent Wolfsteiner, dem Siegmund-Darsteller, der mit Bravostürmen gefeiert wurde, wuchs seine enorme stimmliche Intensität gerade durch dieses Agieren am Limit zu. Koskys Credo: „Der Körper ist die zentrale Metapher im ,Ring‘“ löst sich hier ein. Nicht nur Wagners leitmotivgesättigte Musik deutet seinen Text, sondern auch der singende, agierende Körper.

Immer wo dies gelingt, wird diese „Walküre“ zu einem großen Abend. Neben Wolfsteiner verfügt Kelly God als Sieglinde über ähnliche stimmliche wie darstellerische Kraft. So groß die Not dieser getretenen Frau und ihres Zwillingsbruders ist, so heftig entlädt sich ihre plötzliche Liebe: Als Siegmund das Schwert Nothung aus einer vulvaartigen Deckenöffnung zieht, ergießt sich daraus literweise weißliche Flüssigkeit - was Buhstürme schon nach dem ersten Akt auslöste.

Ebenso körperbestimmt ist Albert Pesendorfers Hunding. Nicht allein als bassgewaltiger Finsterling, sondern als bösartig Frustrierter schlägt er Sieglinde mit dem Gürtel. Was ein besonderes Licht auf den Ehestreit Wotans mit Fricka wirft, die, mehr Rächerin als Hüterin des Ehestandes, für Hunding Siegmunds Tod erzwingt.

Stimmlich war Khatuna Mikaberidzes als Fricka wenig souverän, was ihr deutliche Buhs einbrachte. Robert Bork machte als Wotan auch in Turnhosen gute Figur (Kostüme: Klaus Bruns). Zwar half ihm gegen Fricka kein Fitnesstraining, doch stimmlich legte er im Lauf des Abends deutlich zu. Brigitte Hahn ist keine auftrumpfende, aber eine heftig mitfühlende und stimmlich facettenreiche Brünnhilde. Die intime, nur von einer Grablampe erhellte Szene, als sie Siegmund den nahen Tod verkündet, gehörte zu den berührendsten Momenten.

Spektakulär, aber wenig aussagekräftig, lässt Kosky den turbulenten Walkürenakt voller Gehüpfe und Gekreische an einer weißen Tankstelle spielen. Hier wird die in Schlaf versenkte Brünnhilde schließlich von einem Ring ausgegossenen Benzins geschützt.

Große Momente zu Beginn - Leerlauf gegen Ende: Wohin die Reise des Hannoveraner „Rings“ geht, ist weiter offen. Zumal auch der Dirigent Wolfgang Bozic immer noch nach einer schlüssigen Wagner-Linie sucht. Neben dichten Momenten gab es viel Ungereimtes. Besonders misslich, dass Bozic vom Orchester, besonders von den äußerst unsicheren Blechbläsern, ein ums andere Mal im Stich gelassen wurde.

Unsicher reagierte auch das Publikum: Buhs und Bravos hielten sich die Waage.

Wieder am 30.5., 18. und 20.6., Karten: Tel. 0511 / 9999.

Von Werner Fritsch

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