Vicco von Bülow alias Loriot schuf mit seiner Komik ein präzises Spiegelbild der Absurditäten des Alltags

„Früher war mehr Lametta“ - ein Nachruf auf den größten deutschen Humoristen

„Männer und Frauen passen eigentlich nicht zusammen“: Diese Botschaft variierte der große Loriot in zahlreichen Sketchen mit seiner 2007 gestorbenen Partnerin Evelyn Hamann - hier auf dem Sofa seiner Fernsehserie bei Radio Bremen. Archivfoto:  nh

Bei wem ist die gern gebrauchte Formulierung, ein Verstorbener werde unvergessen bleiben, angebrachter als bei Loriot alias Vicco von Bülow? Ein Nachruf auf den Komiker von Mark-Christian von Busse.

Die Sketch-, Comic- und Filmfiguren, die der Montagnacht im Alter von 87 Jahren gestorbene grandiose Komiker unter dem Künstlernamen Loriot geschaffen hat, zählen längst zum bleibenden kulturellen Schatz unseres Landes, seine Dialoge sind zu geflügelten Worten geworden.

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„Ein Klavier, ein Klavier!“, „da hat sie was Eigenes“ (nämlich ein Jodel-Diplom), „Sie machen mich noch ganz verrückt“, „früher war mehr Lametta“ oder „Hildegard, sagen Sie noch nichts“ - Loriot-Fans genügen wenige Worte, um in Erinnerungen an Sternstunden der Unterhaltung zu schwelgen. Der mit allen erdenklichen Preisen ausgezeichnete, zuletzt bei der Vergabe der Ehren-„Lola“ des Filmpreises 2009 groß gefeierte Loriot - das war ein nobler, feinsinniger, nie verletzender Humorist. Kein Wunder, dass er 2007 im ZDF zum beliebtesten deutschen Komiker gewählt wurde.

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Am Set seiner sechsteiligen TV-Serie „Loriot“ (1976-’78) und seiner ungemein erfolgreichen Spielfilme „Ödipussi“ und „Pappa ante Portas“ wurde allerdings selten gelacht. „Wir mussten alle sehr ernsthaft, präzise, diszipliniert und ausdauernd arbeiten“, erinnert sich Heinz Meier, der den Lottogewinner Erwin Lindemann („im Herbst eröffnet dann der Papst mit meiner Tochter eine Herren-Boutique in Wuppertal“) spielte und - neben der 2007 gestorbenen Evelyn Hamann - zu Loriots wichtigsten Darstellern gehörte.

Loriot - ein Streifzug durch sein Leben

In der Genauigkeit der Alltags- und Sprachbeobachtungen, der Kommunikations-Irrtümer und Missverständnisse, in der Präzision seiner grotesken Charakterzeichnungen und perfekten Parodien lag sein Erfolgsgeheimnis. Mit einem so großen Wiedererkennungswert, dass der am Starnberger See und in Berlin lebende Hundefreund („ein Leben ohne Möpse ist möglich, aber sinnlos“) immer wieder Briefe von Menschen bekam, die fragten, woher Loriot wisse, wie es bei ihnen zu Hause aussieht.

Um das zu erreichen, müsse man „wach bleiben, nichts als selbstverständlich hinnehmen und sich über alles wundern“. Eine Art immerwährendes „Ach, was!?“ also, wie er es so viele Protagonisten sagen ließ.

Die Tätigkeit des Humoristen sei eine „sehr nachdenkliche Arbeit am Schreibtisch, die ungeheure Konzentration verlangt“, berichtete Loriot. „Es wird in keinem meiner Filme irgendwo gelacht, nirgendwo“, bemerkte er einmal: „Lachen sollen die Zuschauer.“

Erfolgreich war Loriot auch, weil er sich rar machte, seine vielseitigen Talente sehr bewusst einsetzte. Und er hörte rechtzeitig auf, als er spürte, dass ihm das Medium Fernsehen zu schnell wurde: Qualität zählte immer mehr als Quantität. Gefragt war Loriot, dieser preußische Bildungsbürger par excellence, aber auch noch, als er nicht mehr regelmäßig fürs Fernsehen produzierte - als Vorleser (etwa aus Thomas Manns Werk), Honorarprofessor in Berlin und Opernregisseur (Flotows „Martha“, Webers „Freischütz“, Wagners „Ring“ an einem Abend).

Zu den schönsten Erlebnissen seines Lebens gehörte, dass er die Berliner Philharmoniker dirigieren durfte: im grauen Hausmeisterkittel. Auch das ist ein unvergessener Auftritt.

Zur Person

Bernhard Victor (Vicco) Christoph Carl von Bülow wurde am 12. November 1923 in Brandenburg in eine alte Offiziersfamilie geboren. 1927 trennten sich die Eltern, zwei Jahre später starb die Mutter. Er besuchte Gymnasien in Berlin und Stuttgart (Not-abitur ’41), war Statist am Staatstheater, Komparse beim Film. Den Krieg überstand er als Oberleutnant in einem Panzergrenadierregiment in Russland, danach schlug er sich als Holzfäller im Solling durch und holte in einem halbjährigen Kurs am Corvinianum Northeim das reguläre Abitur nach. Ab ’47 Studium der Malerei und Grafik an der Hamburger Landeskunstschule. 1951 heiratete er die Modezeichnerin Rose-Marie Schlumbohm. 1954 und ’58 Geburt der Töchter Bettina und Susanne. „Die berufliche Frage ist bei mir eigentlich nie ganz gelöst worden“, sagte von Bülow, der sich nach dem französischen Namen des Wappentiers seiner Familie (Pirol) Loriot nannte. Er zeichnete für den „Stern“, erfand seine Strichmännchen mit Knollennase, veröffentlichte nach „Auf den Hund gekommen“ und „Der gute Ton“ weitere über 100 Bücher, drehte die TV-Serien „Cartoon“ und „Loriot I-VI“, diverse Geburtstags-Galas und zwei Filme, inszenierte Opern. Zuletzt zog er sich zurück - die Augen machten nicht mehr mit. Vicco von Bülow starb am 22. August in Ammerland. (vbs)

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