Großartig: „Tschick“ am Kasseler Staatstheater

Unterwegssein wird per Drehscheibe symbolisiert: Peter Elter (Tschick, links) und Christoph Förster (Maik) in „Tschick“. Foto: Klinger

Kassel. "Tschick" war einer der größten Bestseller der jüngeren deutschen Literatur. Nun erobert Wolfgang Herrndorfs Roman das Kasseler Staatstheater.

„Sieht aus wie ein Schuhkarton, ist aber wirklich ein Auto“: Als Peter Elter in einer rasant-raumgreifenden Miniperformance die Vorzüge des altmodischen russischen Geländewagens beschreibt und dabei pantomimisch Moor und Taiga, Fahrspaß und Reperaturerfordernisse darstellt, gibt es den ersten Szenenapplaus am Sonntagabend auf der Studiobühne tif des Kasseler Staatstheaters.

Elter spielt die Titelfigur in der Bühnenfassung von Wolfgang Herrndorfs Erfolgsroman „Tschick“ über zwei 14-jährige Jungs, die mit ebendiesem Lada Niva - geliehen, nicht geklaut - in den Sommerferien heimlich eine Spritztour machen.

In 1:45 Stunden lassen sich die Besucher zu noch mehr Szenenapplaus und zu regelrechten Lachattacken hinreißen, am Schluss will das Klatschen, Trampeln und Johlen kaum enden. Philipp Rosendahl hat einen sehr lustigen, begeisternden Theaterabend inszeniert, der den Aufbruchswillen und den Selbstfindungswunsch der Heranwachsenden in ihrer ganzen vibrierenden Kraft spürbar werden lässt - für jugendliche wie für erwachsene Zuschauer.

Peter Elter als russischstämmiger Herumstreuner Tschick und Christoph Förster als wohlstandsverwahrloster Maik stürzen sich mit einer Wonne in ihre Rollen, dass man ihre Kicheranfälle für phasenweise un-gespielt hält, machen aber auch Unsicherheiten und Verzweiflungsmomente des Teenagerdaseins subtil spürbar. Beide ganz toll.

Maria Munkert und Uwe Steinbruch spielen alle anderen Rollen als präzise, vielschichtige und witzige Charakterminiaturen, die den kurzweiligen Abend zum Gesellschaftspanorama weiten. Dazu passt der Soundtrack von Thorsten Drücker.

Der Trip in die Welt, der natürlich zugleich ein Trip zu sich selbst ist, wird auf der tif-Bühne ergänzt von anderen Texten Wolfgang Herrndorfs, aus dem Romanfragment „Bilder deiner großen Liebe“ und aus dem Blog „Arbeit und Struktur“. Dass da ein Autor über sein Leben und Sterben sinniert, ist sprachlich wie inhaltlich sicher hörenswert - für diesen „Tschick“-Abend bringt das aber keinen Zusatznutzen.

Großartig ist die Bühnenkonstruktion von Brigitte Schima (auch Kostüme), die das Unterwegssein mit einer silbernen Drehscheibe verdeutlicht, die mal rasend, mal gemächlich angeschubst werden kann, auf der man rennen, sich aber auch an der Mittelstange hängend mitziehen lassen kann. Weiteres wichtiges Requisit sind jede Menge Plastikflaschen, aus denen Wasser und manchmal auch Kunstblut gespritzt wird.

So bleibt am Ende genau das Gefühl, das Tschick in einem besonders frohen Moment so benennt: „Mich reißt’s grad voll.“

Bis Ende April sind alle Aufführungen ausverkauft.

Von Bettina Fraschke

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