Bryan Ferry, legendärer Sänger von Roxy Music, meldet sich zurück

Große Gesten

Kate Moss auf dem Cover von „Olympia“.

Nun hat er sie endlich gefunden, die Balance zwischen Arbeit und Leben. Es muss endlos viele Jahre des Schmerzes, des Uneins-Seins mit der Welt gedauert haben. Bildet man sich ein, denn genau weiß man es nicht. Bryan Ferry hat im Interview mit dem Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ lediglich die Balance erwähnt. Dass er sich heute auf der Bühne wohler fühle als damals. Und dass er gern alt sei.

Ist er alt? Gut, Bryan Ferry, der ehemalige Sänger von Roxy Music, der berühmtesten Glam-Popband, ist 65. Die scheinbare Alterslosigkeit dieses großen Pop-Dandys ist weit verblüffender als die Tatsache, dass das Meisterwerk „For Your Pleasure“ unglaubliche 37 Jahre zählt. Auch „Avalon“, das letzte Roxy-Music-Album, auf dem der andere große Star, Brian Eno, längst nicht mehr dabei war, wurde bereits 1982 eingespielt.

Bryan Ferry ist nicht alt, eher schon wirkte er niemals jung. Zu raffiniert die feinen Gesten, zu überzeugend sein Stil, zu teuer die Anzüge, zu kontrolliert sein Gentleman-Pathos. Wenn man anlässlich der Veröffentlichung seines jüngsten Solo-Albums „Olympia“ Fotos von ihm sieht, meint man glatt, nichts habe sich geändert. Mit ihm im Studio waren die ehemaligen Bandkollegen Phil Manzanera, Andy MacKay und Brian Eno. Man arbeitet immer noch gut zusammen. Nur mit einem neuen Roxy-Music-Album hat’s noch nicht geklappt. Abwarten. Tee trinken.

Und vielleicht: „Olympia“ hören, dessen Cover nicht, wie viele frühere Plattencover, von den Gesichtern und Körpern unbekannter Models geziert wird. Es ist das von Kate Moss. Ihr Gesicht als glamouröses Statement. Ein glamouröses Statement will auch das Album sein. Das gelingt ausgezeichnet auf „BF Bass (Ode To Olympia)“ und auf „Heartache By Numbers“, dessen hymnischer Refrain zum Schluchzen grandios ist. Wenn’s passt, dann fließt Bryan Ferrys Klavierspiel, die Glam-Gitarren halten sich zurück, das Schlagzeug wird nicht zur Rappelkiste und die Fadenstimme des Dandys seufzt große Gefühlswelten, mit adäquatem Ausdruck und ohne zu reißen.

Insgesamt wäre weniger aber mehr gewesen. Viele Songs machen spätestens nach der Hälfte einen leicht zerknautschten Eindruck. Sie brauchen diesen ganzen funky Bombast, die diffus überladenen Rock-Arrangements nicht, schon gar nicht die jede Intimität untergrabenen Gitarrensoli. Und so alterslos Bryan Ferry selbst wirken mag: Vielleicht ist es an der Zeit für ein echtes Alterswerk, eingespielt nur am Flügel und mit einer akustischen Gitarre. Ferrys Freundin, die Melancholie, würde es ihm von Herzen danken.

Bryan Ferry: Olympia (Virgin Records / EMI). Wertung: !!!!:

Von Michael Saager

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.