Nachruf: Der große Jazzmusiker Charlie Haden ist tot

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Charlie Haden Foto: dpa

Der Titel hatte Bedeutung: Erst vor vier Wochen hat Charlie Haden mit Keith Jarrett das Album „Last Dance“ (Letzter Tanz) herausgebracht. Haden, einer der größten Jazzbassisten aller Zeiten, ist am Freitag nach langer Krankheit im Alter von 76 Jahren in Los Angeles gestorben. Er hinterlässt Ehefrau Ruth Cameron und vier Kinder, die ebenfalls Musiker sind.

Durch einen Schicksalsschlag war Haden zu seinem Instrument gekommen: Er erkrankte als Jugendlicher an Kinderlähmung, was ihn seine Singstimme verlieren ließ. So entschied er sich mit 19 für den Bass. Wegen Spätfolgen der Krankheit musste Haden 2010 seine Auftritte einstellen, im Studio nahm er noch Musik auf.

Haden war ein Meister der Einfachheit, was mit zum Schwersten in seinem Metier gehört. Er, der seine Karriere mit 22 Monaten in der Musiksendung der Haden Family Radio Show begann, hat mit stilistisch völlig verschiedenen Alben überrascht: von Avantgarde und Free Jazz über Weltmusik, Folk, Country & Western bis zu Blues und Gospel. Mal in kleinen Besetzungen, oft nur mit Duo-Partner, mal mit BigBand oder gar einem ganzen Streichorchester.

Haden studierte am West-lake College Los Angeles und bei Rod Mitchel, unter anderem mit Scott LaFaro. Dieser und Haden galten als Wegbereiter der Emanzipation des Jazzbasses. Hadens größte Fähigkeit war, dass er den Kontrabass klingen lassen konnte –das ist seine Virtuosität. Er kultivierte das Gravitätische seines Instruments, füllte keine vorgegebenen Harmonieschemata aus, sondern präsentierte ungebundene Melodien. Haden war, wie Pianist Leonard Feather bemerkte, ein eher „teilnehmender als begleitender Bassist“.

Die Karriere des Mannes aus dem US-Staat Iowa erstreckte sich über sieben Jahrzehnte. Er trat mit Größen wie Ornette Coleman, John Coltrane, Chet Baker, Keith Jarrett, Jan Garbarek oder Stan Getz auf. Suchte Haden früher Schnelligkeit und treibende Kraft des Walking-Bass-Spiels, wandte er sich mit jüngeren Werken dem Ausdruck von Ruhe zu. Sein Album mit dem Pianisten Kenny Barron „Night and the City“ (1996) ist ein Höhepunkt der Jazzmusik. Haden bekam drei Grammys – für „Beyond the Missouri Sky“, „Nocturne“ und „Land of the Sun“. Dazu kam einer fürs Lebenswerk. Dieses dürfte sich, kreativ, produktiv und unerschrocken, für immer in die Musikkultur eingeprägt haben.

Von Peter Fritschler

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