Große Momente: Ron Carter beim Jazzfrühling im Theaterstübchen

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Innig und intensiv: Ron Carter im Theaterstübchen zuzuhören, war eine faszinierende Erfahrung.

Kassel. Es war eine große Innigkeit, es war eine große Intensität. Es war Ruhe und Tiefe, Aufbruch und Sturm, Ebenmaß und Schwerelosigkeit. Ron Carters Golden Striker Trio zelebrierte beim Jazzfrühling im Theaterstübchen ein Konzert, das bei den 170 Zuhörern noch länger nachhallen dürfte.

55 Jahre Jazzgeschichte wehten am Donnerstag durch den Saal und man war dabei! Der 1937 geborene Ron Carter ist ja länger im Geschäft als die Rolling Stones - und das will wirklich was heißen. Carter hat mit seinem einzigartigen Bassspiel den Jazz nicht nur begleitet, sondern entscheidend geprägt und weiterentwickelt, hat nicht nur mit Jazz-Titanen wie Eric Dolphy, Miles Davis und Herbie Hancock gespielt, sondern auch mit der HipHop-Combo A Tribe Called Quest Anfang der 90er eine prägende Scheibe vorgelegt oder mit dem Kronos Quartett konzertiert.

Carter ist kein Vertreter des Free Jazz im engeren Sinn, aber er hat mit seiner unglaublichen Vielseitigkeit eine Universalität erreicht, die wiederum von höchster Freiheit zeugt, wie vorgestern zu sehen und zu hören war.

Das manifestiert sich schon in der nun wirklich nicht gewöhnlichen Besetzung, die ohne einen Schlagzeuger auskommt. Bass, Klavier und Gitarre. Hatte er bei seinem letzten Auftritt in Kassel vor zwei Jahren noch Russel Malone und den im vergangenen Jahr verstorbenen Mulgrew Miller an seiner Seite, trat er nun mit dem Pianisten Donald Vega und dem Gitarristen Anthony Wilson an, um mit ihnen einen hochkomplexen Klangkörper zu bilden, der allen alle Möglichkeiten eröffnete.

Ein großer, breiter Fluss tat sich da auf, voller verschachtelter Harmonien und melodischer Abenteuer, die nur scheinbar mit verspielter Leichtigkeit daherkamen. Das Trio zelebrierte ausgedehnte Eigenkompositionen, aber auch Klassiker wie „Soft Wind“ von Fletcher Henderson oder „My Funny Valentine“, das Carter zu seinem „Lieblingsstück des Abends“ kürte.

Carter drängte sich in keiner Minute in den Vordergrund, aber sein langes Bass-Solo im zweiten Set war mehr als das, es war eine faszinierende Hörerfahrung, ein inniges, spannungsvolles Selbstgespräch mit seinem Instrument. Es gab eine Zugabe. Das Publikum hätte gern mehr gehört, aber nach zwei Stunden intensivster Anspannung war nicht mehr drin. Im Grunde hörten die Musiker auf, als es am schönsten war.

Abschluss des Jazzfrühlings: Samstag, 20 Uhr, Ballsaal Hotel Reiss: ResiDance Orchester Cassel. Sonntag, 20 Uhr, Theaterstübchen: Jazz In A Miller Mood: Kasseler Musiker mit Urban Beyer.

Von Andreas Gebhardt

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