Neu im Kino: „Barney’s Version“ mit Paul Giamatti

Das große Scheitern

Verpfuschtes Leben: Barney (Paul Giamatti). Foto:  Universal

Sein eigenes Leben zu ruinieren, ist gar nicht so schwierig. Barney (Paul Giamatti) erfährt das am eigenen, übergewichtigen Leib. Ein Ex-Polizist bringt ein Buch heraus, in dem er Barney des Mordes an seinem besten Freund beschuldigt. Über Jahrzehnte hatte der Ermittler sich in den Fall vergraben. Die Leichte wurde zwar nie gefunden, aber für ihn steht der Täter felsenfest. Und das soll nun die ganze Welt erfahren. In jener Nacht, in der also Barneys Leben vollends in den Abguss rauscht, blickt er zurück.

Richard J. Lewis erzählt die Geschichte eines Scheiterns in seinem Film „Barney’s Version“ nach der Romanvorlage von Mordecai Richler. Barney ist ein Durchschnittstyp, vielleicht ein wenig stinkstiefeliger als andere. Dieser kanadische Produzent unterirdisch schlechter Fernsehserien verschleißt drei Ehen. Zumindest eine hätte das Zeug zum großen Glück gehabt.

In den Momenten, wo der in Rückblenden erzählende Film auf die feinen Nuancen setzt, im Alltag das Herannahen einer persönlichen Katastrophe subtil beobachtet, ist er sehr überzeugend. Allerdings werden diese Momente immer wieder zunichte gemacht, indem in die (zu langen) Szenen zu viel hineingestopft wird, in denen auch Paul Giamatti zu selbstverliebt schauspielert. Obwohl der Mann grundsätzlich ein überzeugender Charakterdarsteller ist. Es war höchste Zeit, dass Giamatti nach „Sideways“ wieder eine ausdrucksstarke Hauptrolle annahm.

Fett, rauchend und stets mit einer halben Flasche Single Malt im Blut stolpert dieser Barney durch das Leben. Giamatti gelingt es durchaus, seine Figur glaubwürdig durch die vier Jahrzehnte der Erzählung zu manövrieren, von jugendlicher Bohème zu Wohlstandsüberdruss und in die Gebrechlichkeit. Überzeugend besetzt sind die Nebenrollen, allen voran mit Dustin Hoffman als Barneys unerzogener Vater.

Barneys erste Ehe ist ein Trick seiner Freundin, Liebe ist da nicht im Spiel. Ausgerechnet auf seiner zweiten Hochzeit trifft er die Frau seiner Träume und verbringt fortan seine zweite Ehe mit einer enervierenden Dauerschwätzerin (von der Art, die auf der Hochzeitsreise am Telefon der Mutter ausschweifend von den Seifenpäckchen im Hotelbad erzählt) damit, die ferne Frau zu umwerben.

Als jene Miriam (Rosamund Pike) ihn schließlich erhört, versaubeutelt er das endlich glückliche Leben, weil er seine Stoffeligkeit, Ignoranz und Trägheit nicht in den Griff bekommt.

„Ich befinde mich in einem Zustand völligen Desinteresses an allen Dingen“, bilanziert Barney schließlich und verabschiedet sich in den Nebel der Alzheimererkrankung.

Genre: Tragikomödie

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: !!!!:

Von Bettina Fraschke

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